Konrad Adenauer und seine frühen Jahre - Student und KVer
Reinhard Nixdorf (Nm-W)
Eine lange Leiter, getragen von Studenten durch Freiburgs nächtliche Gassen – und immer wieder dieselbe Szene: „Wo wollt ihr damit hin?" will ein misstrauischer Polizist wissen. Die jungen Leute, Mitglieder des K.St.V. Brisgovia, drucksen herum, stottern - und das Auge des Gesetzes führt sie ab zur Wache. Doch dort legen die Studiosi eine Quittung vor, die belegt, dass die Leiter ordnungsgemäß gemietet wurde. Kein Gesetz ist verletzt, kein Vorwurf haltbar.
Zähneknirschend lassen die Ordnungshüter die Studenten ziehen. Kaum entlassen, taucht die Gruppe im nächsten Stadtviertel auf – und das Spiel beginnt von neuem. Als sie zum fünften Mal zur Wache gebracht werden, bekommt der Wachhabende einen Wutanfall, dass die ganze Polizeiwache erzittert.
Hintergrund: Nach einer ausgedehnten Kneipe waren Brisgoven singend durch das nächtliche Freiburg gezogen und wurden wegen ruhestörenden Lärms bestraft. Das sorgte bei den Brisgoven für große Empörung: Sie sagten der Polizei Urfehde an. Die Frage war nur, wie sie sich revanchieren konnten, ohne sich strafbar zu machen.
List schlägt Leichtsinn
Wie die Geschichte mit der Leiter zeigt, glückte die Revanche. Wer aber hatte sich diesen ebenso einfachen wie juristisch unangreifbaren Streich ausgedacht? Ein junger Mann aus Köln: Jurastudent und Fuchs des K.St.V. Brisgovia. Sein Name: Konrad Adenauer.
Dass ausgerechnet dieser gewitzte Student Jahrzehnte später als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland in die Geschichte eingehen würde, hätte damals niemand geahnt. Das Bild des nüchternen, oft streng wirkenden Staatsmanns, der von 1949 bis 1963 die Geschicke unseres Landes lenkte, scheint kaum zu dem jungen Mann zu passen, der mit Humor und kalkulierter List die Freiburger Polizei auf den Arm nahm. Doch die Episode verrät bereits Wesentliches: juristische Präzision, taktisches Denken – und eine gewisse Freude an kontrollierter Provokation.
„Der Jahrgang 1876 war ne jute Jahrgang, da bin ich nämlich geboren”, erzählte Konrad Adenauer einmal: Am 5. Januar 1876 kam er in Köln als Sohn des Gerichtsbeamten Johann Konrad Adenauer und dessen Frau Helene zur Welt. So ist 2026 mit der 150. Wiederkehr seines Geburtstags ein Adenauer-Gedenkjahr mit Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen. Was aber prägte ihn als jungen Menschen, wie kam er ins Studium und zum KV?
Prägend wirkte das Studium für den jungen Konrad Adenauer durch die wissenschaftliche Atmosphäre an der Uni und das freie Leben als Student, durch das bundesbrüderliche Miteinander bei Brisgovia, Saxonia und Arminia, durch neue Eindrücke aus Kunst, Musik, Kultur, durch Wanderungen und Reisen. Aber Freizeit war das Studium nicht, sondern viel Büffelei. Neunzig Mark erhielt er monatlich und wie er diese Summe verwendete, darüber musste er seinem Vater Rechenschaft geben. Außerdem drückte Adenauer senior aufs Tempo.
Denn Konrad Adenauers Vater, geprägt von preußischer Disziplin und eigenem Aufstieg, verlangte Fleiß und Maßhalten. Johann Conrad Adenauer, 1833 als Sohn eines Bäckers in Bonn geboren, hatte sich, um dem Dasein als Knecht zu entgehen, mit achtzehn Jahren als Berufssoldat in der preußischen Armee verdingt. In der Schlacht von Königgrätz 1866 wurde er verwundet, ausgezeichnet und zum Secondelieutenant befördert. Vor der Heirat 1873 verließ er die Armee und schlug die Beamtenlaufbahn ein. Beim Kölner Landgericht brachte er es zum Chef der Gerichtskanzlei und beendete sein Berufsleben als „Appellationsgerichtssecretair” - was wohl mit dem Kanzleirat vergleichbar ist.
Ein Preuße wider willen
Preußisch korrekt ging es in der Familie Adenauer zu - wobei sich die Begeisterung für Preußen und seinen Militarismus in Grenzen hielt. Damals war Köln die einzige Großstadt in Preußen, die katholisch geprägt war. Und in dem Maße, wie die Differenzen zwischen katholischer Kirche und preußischem Staat zunahmen, wuchs auch die Unzufriedenheit mit den Preußen und ihrer Pickelhaube. Als Bismarck nach seiner Reichsgründung 1871 dann auch noch der katholischen Kirche den Kulturkampf erklärte, spitzten sich die Gegensätze zu: Noch im Alter erinnerte sich Adenauer daran, wie in seiner Kindheit nicht zugelassene Geistliche als Bauern verkleidet in die Eifeldörfer kamen und heimlich in der Scheune die Messe lasen. Bismarcks Sozialistengesetze, die es erlaubten, Bürger ohne weiteres auszuweisen, sorgten bei ihm und seinen Brüdern für helle Empörung.
Vielleicht wurzelt in solchen Erlebnissen Adenauers lebenslange Aversion gegen den preußischen Staat, was manche Anekdote schildert. So soll er sich in der Weimarer Republik, als Präsident des preußischen Staatsrats, auf Dienstreisen nach Berlin jedesmal, wenn sein Zug die Elbe überquerte, bekreuzigt und gesagt haben: „Jetzt beginnt Asien!” Aber Adenauers Abneigung gegen Preußen verhinderte nicht, dass er selbst sehr preußisch wirkte: Pflicht, Ordnung und Disziplin waren für ihn Schlüsselbegriffe.
Und das wurde durch die Frömmigkeit im Hause Adenauer bestärkt mit pflichtgetreuem Besuch der Sonntagsmesse, Morgen- und Abendgebet, regelmäßiger Beichte, Beachtung der Fastenzeit und Teilnahme an den Festen des Kirchenjahres. In einer religiösen Krise nach Ende des Studiums fand Konrad Adenauer Halt in den Schriften des Staatsrechtlers Karl Hilty, der ein „praktisches Christentum” vertrat. Noch der alte Kanzler hatte seinen Platz in der Rhöndorfer Kirche und ging bei der Fronleichnamsprozession mit. Eine Frömmigkeit, lebensbestimmend, ohne schwärmerisch zu sein. Gegenüber dem baptistischen Erweckungsprediger Billy Graham meinte Adenauer 1963, er freue sich über jeden, der Menschen zu Gott führe, aber: „Wenn ich sehe, wie sicher Sie im Glauben sind, bin ich froh, dass ich katholisch bin.”
Die Forderungen des Lebens, so das Credo von Adenauers Vater, waren mit Fleiß, Geduld und Einordnung zu bewältigen. Für den Vater war es selbstverständlich, dass es seine drei Söhne einmal weiterbringen würden als er. Deshalb ermöglichte er ihnen ein Studium und sie enttäuschten ihn nicht. Der Älteste wurde Rechtsanwalt, der zweite Domkapitular und der dritte am Ende Kanzler der Bundesrepublik Deutschland.
„Es ist alles sehr unmoralisch, was wir gemacht haben!”
Das gelang freilich nur unter Anspannung aller Kräfte. Um seinen vier Kindern einen entscheidenden zeitlichen Vorsprung im Leben zu verschaffen, brachte Konrad Adenauers Vater ihnen schon vor der Einschulung lesen, schreiben und rechnen bei. So gingen sie beim Schuleintritt gleich in die zweite Klasse. Nach drei Volksschuljahren trat der neunjährige Konrad Adenauer zu Ostern 1885 in die Sexta des katholischen Apostelgymnasiums ein. Dort waren schon seine älteren Brüder August und Hans Schüler und just in Konrads Eintrittsjahr feierte das Apostellgymnasium sein 25. Jubiläum. Den frechen Vierzeiler zu diesem Anlass, trug Adenauer noch im hohen Alter vor:
„Oh, du alter Jammerkasten, / 25 Jahr' sind's heut',/ dass du ohne Ruh' und Rasten/ hast gemartert junge Leut!”
Weitere despektierliche Äußerungen sind nicht bekannt. Im Abiturzeugnis bescheinigten ihm die Lehrer ordnungsmäßiges tadelloses Betragen: „Er widmete allen Unterrichtsgegenständen rege Teilnahme und angestrengten Fleiß”. In fast allen Fächern hatte er „gut”, im Gesang sogar „sehr gut”, bloß in Turnen „genügend”.
Was die Lehrer nicht ahnten, hat Adenauer 66 Jahre später in einer Fernsehsendung Millionen Zuschauern verraten: „Ich kann hier bemerken”, sagte der Vierundachtzigjährige, „es ist zwar nicht sehr recht, dass wir Abiturienten damals doch auf irgendeine Weise alle vorher im Besitz der (...) Arbeiten gewesen sind. Und wir haben zum Beispiel für die drei Aufsatzthemata eine Kommission eingesetzt, die die Dispositionen gemacht und verteilt hat. Und bei der lateinischen Arbeit - es ist alles sehr unmoralisch, meine lieben Zuhörer und Zuhörerinnen, was wir gemacht haben - (....) haben wir sogar die Fehler verteilt. Der eine musste soviel Fehler machen, der andere soviel Fehler machen und die besten - dazu gehörte ich übrigens auch - brauchten keinen Fehler zu machen. Ich war eine der leitenden Personen bei der ganzen Vorbereitung des Abiturienten-Examens für die ganze Klasse.” Freimütig gestand der 84-jährige: „Ich war genauso froh und dankbar wie die anderen, dass wir die Klippen des Examens so leicht umschiffen konnten.”
Aber ganz so leicht scheint es doch nicht gewesen zu sein, denn er sagte auch dies: „Allerdings habe ich später noch jahrelang im Traum das Abitur nachholen müssen - unter den scheußlichsten Umständen und mit einer Angst, die mich oft schweißgebadet aus dem Schlaf emporschrecken ließ.”
Ob hier Adenauers kreativer Umgang mit vorgegebenen Regeln durchscheint, sei dahingestellt. Ein Studium nach dem Abitur war zunächst ungewiss. Die älteren Brüder Hans und August studierten bereits, das Geld im Hause Adenauer war knapp. Der junge Adenauer begann daher eine Banklehre beim Kölner Bankhaus Seligmann. Doch seine Enttäuschung blieb nicht verborgen. Mit Hilfe eines Stipendiums konnte er die Lehre nach vierzehn Tagen wieder abbrechen und ein Jurastudium aufnehmen. Dazu ging er nach Freiburg - ein ungewöhnlicher Studienort, denn Jura konnte man auch in Bonn studieren.
Folgt man aber dem Historiker Hans-Peter Schwarz, strömten rheinische Studenten damals „rudelweise” nach Freiburg: Ein Kölner Jahrgang zog den nächsten nach. Adenauer trat am 20. April 1894 mit der lfd. Mitgliedsnummer 283 zusammen mit 4 weiteren Studenten in die Brisgovia ein, die in diesem Semester 44 (!) Rezeptionen verzeichnete! So wurde er Kartellangehöriger (oder: KVer). Er schloss Freundschaften – besonders mit seinem Kommilitonen Raimund Schlüter – und bewegte sich in einer Welt zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Geselligkeit.
Ausdauer als Prinzip: ein Charakter formt sich früh
Mit dreizehn Kommilitonen brach er an einem Samstagmittag zu einer Wanderung durch den Schwarzwald auf - mit einer Kneipe auf dem Feldberg und nur zwei Stunden Schlaf. Nur drei Studenten hielten die Gewalttour von 85 Kilometern durch - und der einzige, der am Montagmorgen zur Vorlesung erschien, war Konrad Adenauer. Diese Zähigkeit hielt er bis ins hohe Alter durch: „Lassen Sie sich ruhig Zeit, bleiben Sie ruhig einmal stehen”, meinte er halb wohlwollend, halb spöttisch, wenn wieder einmal ein wesentlich jüngerer Begleiter beim 58 Stufen hohen Aufstieg zu seinem Rhöndorfer Haus außer Atem geriet. Und Charles de Gaulles meinte staunend-bewundernd; „Er ist 87, denken Sie ...sieben-und-achtzig!” als sich Adenauer 1963 nach langen, physisch anstrengenden Gesprächen von ihm verabschiedet hatte.
Doch zurück zum Studium: Nach einem Semester wechselte Adenauer nach München, schloss sich Saxonia an und hörte bei akademischen Größen wie dem Nationalökonom und Katheder-Sozialisten Lujo von Brentano oder Karl von Bergmann, einem Experten für römisches Recht, der ihm das präzise, logische Denken vermittelte, das die deutsche Juristenausbildung bis heute prägt.
Zudem lernte Adenauer Münchens kulturelles Leben kennen, ging in die Pinakothek, besuchte Opernaufführungen und Konzerte - freilich stets auf Stehplätzen. Als Rucksackwanderer ging er mit seinem Freund Raimund Schlüter auf große Fahrt - zu Fuß oder vierter Klasse mit der Bahn. Das Geld dafür hatte er sich mühsam zusammengespart. Wenigstens einmal wollte er Venedig sehen und so wurde eine Tour mit den Zielen Florenz, Assisi und Ravenna zur klassischen Bildungsreise. In Köln aber wütete der Vater über die „unerhörte Geldverschwendung”: Noch nach Konrad Adenauers Tod 1967 fand sich in seinem Nachlass ein Rechenschaftsbericht an den Vater. Darin listete er die Kosten dieser Reise detailliert auf und versprach, in die Heimat zurückkehren, um das Studium in „nunmehr kürzester Zeit zu beenden”.
Im Wintersemester 1895 schrieb er sich an der Universität Bonn ein und wurde bei Arminia aktiv. Für eine Laufbahn im Staatsdienst war ein Studienabschluss an einer preußischen Universität ohnehin erforderlich. Bei Arminia übernahm er im WS 1896/97 das Amt des Conseniors. Er vergaß auch nicht zu feiern, wie Bilder von Karnevalsfesten, die ihn in bayerischer Tracht zeigen, belegen. Ansonsten büffelte der Student Konrad Adenauer, was das Zeug hielt. Um beim Lernen nicht einzuschlafen, habe er nachts die Füße in kaltes Wasser gestellt, berichtete er später.
1897 bestand er nach nur sechs Semestern das Referendarexamen mit der Note „gut“ - da war er gerade 21 Jahre alt. Eine Promotion zum Dr. iur. war freilich nicht möglich. Dafür entschädigten ihn in späteren Jahren die 23 Ehrendoktorhüte von Universitäten aus aller Welt: angefangen bei der Universität zu Köln bis hin zu Harvard, Columbia und Yale in den USA.
Die finanziellen Sorgen hörten auch nach dem Studium nicht auf: Als Gerichtsreferendar erhielt er kein Gehalt und lebte wieder im Elternhaus. Vier Jahre später folgte das zweite Staatsexamen vor einer externen Kommission in Berlin – dieses Mal freilich nur mit der Note „ausreichend”. Nach dem Assessorexamen arbeitete Adenauer zunächst bei der Kölner Staatsanwaltschaft, 1902 wechselte er ins Anwaltsbüro des Kölner Justizrats Hermann Kausen, der als Vorsitzender der Zentrumsfraktion im Kölner Stadtrat erheblichen Einfluss besaß. Denn Adenauer war klar, wie wichtig neben Leistung auch Beziehungen waren.
Karriere mit viel Fleiß und noch mehr Strategie
Über Schulfreunde fand er Zugang zu höheren gesellschaftlichen Kreisen und lernte Emma Weyer kennen. Sie kam aus einer angesehenen Familie, das Gerichtsgebäude, in dem Adenauers Vater arbeitete, hatte ihr Onkel gebaut. 1904 heirateten sie.
Gefördert von Justizrat Kausen wurde Adenauer 1906 zum Beigeordneten der Stadt Köln gewählt. Drei Jahre später stieg er zum Ersten Beigeordneten und Stellvertreter des Oberbürgermeisters auf. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, übernahm er das Ernährungsdezernat. Mit Rationierung und ungewöhnlichen Einfällen, wie der von ihm ersonnenen Sojawurst oder dem Schrotbrot, sicherte er Kölns Versorgungslage. Auch ihn persönlich trafen Schicksalsschläge: 1916 starb seine Frau Emma, 1917 erlitt er einen Autounfall. Doch einstimmig wählte ihn der Kölner Stadtrat 1917 zum Oberbürgermeister und er blieb es, bis ihn die Nazis 1933 aus dem Amt jagten. Was er als Oberbürgermeister leistete, ist in Köln noch heute spürbar - genau wie sein Wirken als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963.
Zeitlebens blieb für ihn die Zeit bei Brisgovia, Saxonia und Arminia prägend. Noch beim 100. Stiftungsfest der Arminia sagte er in seinem Grußwort: „Die Atmosphäre, die ich in diesen drei Studentenvereinen, insbesondere in der Arminia, gefunden habe, hat für mein ganzes Leben auf mich eingewirkt.”
Und vielleicht erklärt gerade die „Leiter-Affäre“ bei den Freiburger Brisgoven mehr, als es zunächst scheint: Der junge Student, der das Gesetz genug kannte, um es nicht zu brechen – und es doch klug auszunutzen –, war im Kern derselbe geblieben. Nur die Bühne war im Laufe der Zeit größer geworden.
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