Die neue Macht der Täuschung

Wenn Aufmerksamkeit wichtiger wird als Wahrheit: Josef Krieg (Bsg) über Desinformation, digitale Plattformen und die Zukunft der Wahrheit

Wenn Begriffe wie „Fake News“, Desinformation und Manipulation zum festen Bestandteil politischer Debatten geworden sind, stellt sich rasch die Frage, wieso die Lüge heute solch eine große Macht besitzt. Dem geht Kb Josef Krieg (Bsg) in seinem im vergangenen Herbst erschienenen Buch „Vom Wert der Lüge - Wie die Wahrheit wieder gewinnt” nach. 

Buchautor Josef Krieg, Jahrgang 1965, studierte Politikwissenschaften, katholische Theologie und Philologie, arbeitete als Pressesprecher für Kb Heiner Geißler, Angela Merkel und für Stiftungen. Mehrere Jahre wirkte er an der Neuausrichtung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit und beriet Vorstandsmitglieder großer Konzerne. Derzeit ist er Inhaber der Firma „ideas2communicate” und Gesellschafter des Start-ups „elevengreen”, das sich mit Nachhaltigkeit im Profisport befasst. 

Lügen seien heute politisches Werkzeug, wirtschaftliches Geschäftsmodell und digitale Währung, konstatiert Josef Krieg. Die Gründe dafür sieht er in der Verbindung von globalen digitalen Kommunikationsräumen mit wirtschaftlichen Interessen. Aufmerksamkeit ist im Internet eine knappe Ressource – und die lässt sich durch Emotion, Skandal und Übertreibung besonders leicht erzeugen.

Die Ökonomie der Lüge

Tatsächlich dominieren auf Plattformen wie TikTok oder Instagram zugespitzte Meldungen und emotional aufgeladene Beiträge. Im Zentrum steht die Jagd nach möglichst vielen Klicks, nicht aber die sachliche Information und erst recht nicht die Wahrheit. So werde es unerheblich, ob eine Meldung wahr oder falsch sei, entscheidend sei, für wieviel Aufmerksamkeit sie sorge. Denn je länger Nutzer bei einem Beitrag verweilen und je häufiger sie ihn aufrufen, desto fetter fallen die Einnahmen aus der Werbung aus. Auf diese Weise, so Kb Josef Krieg, besitze Lüge inzwischen einen messbaren finanziellen Wert.

Verstärkt wird diese Dynamik durch personalisierte Feeds. Digitale Systeme orientieren sich an früheren Klicks und Vorlieben der Nutzer. Wer sich einmal mit einem bestimmten Thema beschäftigt, erhält anschließend immer mehr Beiträge dazu. Ähnlich funktioniert es mit Meinungen: Wer eine bestimmte Sichtweise äußert, gleichgültig ob diese richtig oder falsch ist, wird von den Feeds mit Inhalten versorgt, die seine Position bestätigen. Auf diese Weise entstehen abgeschlossene Kommunikations-räume, „Meinungshöhlen”, in denen alle einer Meinung sind und sich gegenseitig bestärken.

Folge: Gesellschaftliche Gruppen bewegen sich in Informationswelten, die sich immer weiter voneinander entfernen - ein hohes Risiko für den demokratischen Austausch: Wenn es keine gemeinsame Basis von Fakten und Argumenten mehr gibt, wird es immer schwieriger, miteinander ins Gespräch zu kommen und politische Entscheidungen auszuhandeln.

Kb Josef Krieg beschreibt diese Entwicklung als Folge eines langen historischen Prozesses. Vom Zeitalter der Aufklärung über den Liberalismus bis hin zum modernen Kapitalismus entstand das Bild des aufgeklärten Bürgers, der rational entscheidet und informierte Konsumentscheidungen trifft. Doch diese Vorstellung werde mehr und mehr zur Fiktion. In digitalen Plattformökonomien konkurrieren Informationen um Reichweite und Algorithmen verstärken jene Inhalte, die besonders emotional oder polarisierend sind. Wahrheit verliert in diesem Umfeld an Gewicht, Aufmerksamkeit wird zur eigentlichen Währung.

Die Verführung der halben Wahrheit

Besonders eindrücklich illustriert Kb Josef Krieg seine These anhand einer der ältesten Geschichten der Menschheit. Im Kapitel über „Fake News im Garten Eden“ interpretiert er die biblische Erzählung von Adam und Eva als frühes Lehrstück über die Mechanik der Täuschung. Denn bekanntlich begann die Schlange ihre Verführung nicht mit einer offenen Lüge, sondern mit einer scheinbar harmlosen Frage, die einen wahren Kern enthält und gleichzeitig Zweifel sät. In dieser Mischung aus Wahrheit und Verzerrung erkennt Josef Krieg das Grundmuster moderner Desinformation. Die Lüge zerstört Vertrauen – damals zwischen den Menschen und Gott, heute zwischen Bürgern, Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen.
Die digitale Öffentlichkeit habe Strukturen geschaffen, in denen Lügen sich schneller verbreiten als je zuvor. „Die Lüge ist attraktiv, weil sie uns entlastet“, erklärte Krieg gegenüber dem „Pro-Medienmagazin”. Sie liefere einfache Antworten, während Wahrheit oft Zweifel und komplexe Auseinandersetzungen verlange.
Das wird besonders heikel, wenn populistische Bewegungen und autoritäre Sys-teme digitale Kommunikationskanäle gezielt nutzen, um Narrative zu verbreiten und Anhänger zu mobilisieren. Doch Josef Krieg betont, dass das Problem nicht auf einzelne Akteure beschränkt ist. Vielmehr gehe es um eine strukturelle Entwicklung, in der Wahrheit an Bedeutung verliert und Macht über Informationsflüsse entscheidet.
Dabei hebt er immer wieder die Rolle der Sprache hervor. In der analogen Kommunikation, im Gespräch von Mensch zu Mensch, lassen sich Widersprüche zwischen Wort, Geste und Tonfall oft erkennen. Digitale Kommunikation dagegen entzieht sich dieser Kontrolle. Bilder können manipuliert, Aussagen aus dem Kontext gerissen oder erfunden werden. Deshalb fordert Kb Josef Krieg eine „Kultur der Wahrheit“, die im Umgang mit Informationen Verantwortung und Transparenz praktiziert. Denn, stellte er gegenüber dem Pro-Medienmagazin fest: „In einer Gemeinschaft kann ich nur leben, wenn das Miteinander auf Vertrauen und Wahrheit aufbaut“. Wenn Menschen einander in Familie, Beruf oder Öffentlichkeit fortwährend täuschen, zerfalle die Basis des Zusammenlebens. Deshalb sieht er nicht nur Politik und Medien in der Pflicht, sondern auch jeden Einzelnen.

Der Kampf um die Wahrheit ist noch nicht entschieden

Gleichzeitig plädiert Josef Krieg für strukturelle Veränderungen. Digitale Räume müssten so gestaltet werden, dass sie Dialog und kritische Reflexion fördern, statt Manipulation zu belohnen. Lokaler Journalismus spiele dabei eine wichtige Rolle. Er solle nicht nur berichten, sondern auch Orte schaffen, an denen gesellschaftliche Debatten verantwortungsvoll geführt werden können.
Auch den Kirchen weist der Autor besondere Verantwortung zu, sind sie doch der Wahrheit verpflichtet und können als moralische Stimme in öffentlichen Debatten auftreten. Für Kb Josef Krieg ist diese Perspektive eng mit seinem christlichen Menschenbild verbunden. Wahrheit sei kein abstraktes Ideal, sondern Grundlage von Gemeinschaft und Demokratie.
Trotz aller Risiken bleibt der Autor optimistisch. Eine Mehrheit der Menschen in Europa stehe weiterhin hinter demokratischen Werten und sei bereit, um die besten Lösungen zu streiten. Diese Kräfte müssten gestärkt werden. „Ich wünsche mir eine offene, demokratische und christlich orientierte Gesellschaft“, sagte Krieg gegenüber dem Pro-Medienmagazin. Eine Gesellschaft, wo nicht das Glück des Einzelnen maximiert wird, sondern wo Menschen ihr Glück in der Gemeinschaft finden.
So verbindet das Buch „Vom Wert der Lüge” politische Analyse, medienkritische Reflexion und theologische Perspektiven zu einem vielschichtigen Essay. Einfache Rezepte liefert das Buch nicht. Doch es lädt dazu ein, über die Grundlagen unserer Kommunikation von neuem nachzudenken. 

R.N.