Göttlich oder vermenschlicht?
Thomas Schmid (Ott)
Vor einiger Zeit baten mich Angehörige, den Trauergottesdienst an der Orgel zu begleiten und mit dem Lied „Christ ist erstanden“ zu beginnen. Das fand ich mutig, weil sicherlich viele der Trauergäste einen eher kirchenfernen Eindruck auf mich gemacht haben.
Einen älteren und erfahrenen Theologen darauf angesprochen, erzählte er mir von den Trauergottesdiensten seiner Kindheit, die von einem „Dies irae“ geprägt waren dem „Buch, das aufgeschlagen wird, in dem alle Schuld aus Erdentagen“ eingetragen ist; beim Besuch des Hl. Nikolaus wird dies noch heute lebendig.
Das Bild von einem Richter, der „kommt mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen – ach, was werd ich Armer sagen?“ hat über Jahrhunderte das christliche Gottesbild geprägt und damit erreicht, dass die Angst vor Gott größer wurde, als das Wissen um die Zuversicht auf Liebe und Verzeihung.
Auch heute noch wird das Wort von der „Gottesfurcht“ missverstanden; Ehre, Respekt und Gottesliebe wären wohl bessere Formulierungen.
Dennoch hat sich das Gottesbild in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt, sonst würde auf so manchen Sterbebildchen wohl kaum Sätze stehen, wie „Bei Dir bin ich geborgen“ oder „Von guten Mächten treu und still umgeben“.
Es liegt nun einmal in der Natur des Menschen, dass es eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit gibt und daher „die Bösen“ bestraft und „die Guten“ belohnt werden müssen.
Und wenn diese Gerechtigkeit nicht in dieser Welt erreicht wird, dann „muss“ sie in der anderen Welt kommen. In diesem typisch menschlichen Verhalten ist für eine Lebensbilanz ein „entweder – oder“ leichter zu verstehen, als ein „sowohl – als auch“.
Dieses Denkmuster haben wir auch auf Gott übertragen: er soll dort richten, wo wir es selbst nicht vermögen. Damit haben wir ihn „vermenschlicht“ und zum Vollstrecker unseres eigenen Wunschdenkens gemacht.
Als hätte der Evangelist Johannes dieses menschliche Verlangen vorhergesehen, hat er es mit einem einzigen Satz aufgehoben: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“. (Der Name „Jesus“ bedeutet ja auch „der Herr ist Rettung“). Und tatsächlich lässt sich Gott auch durch nichts davon abhalten, zu retten – und zwar alle Menschen, die er in seiner Liebe in dieses Leben gerufen hat – denn seine Wege sind nicht unsere Wege.
Diese Liebe zu uns Menschen dürfen wir auch an Ostern feiern und bekennen.
Und wem diese Liebe und der Glaube geschenkt ist, kann auch einen Trauergottesdienst mit einem „Christ ist erstanden“ beginnen.

Thomas Schmid (Ott)
geboren 1959, Studium der Katholischen Kirchenmusik, seit Anfang der 1980er Jahre in der K.St.V. Ottonia zu München. Beruf: Kirchenmusiker und Bestatter (Trauerdienste Schmid)
Gott Gott sein lassen – oder: Das Staunen wiederentdecken
„Göttlich oder vermenschlicht? – diese Frage begegnet uns nicht nur, aber auch im Glauben, etwa im Gegensatzpaar Richten und Retten, das Kb Thomas Schmid sehr anschaulich beschreibt.
Wir Menschen sind Meister darin, alles zu vermenschlichen – dafür muss man sich nur einen beliebigen Animationsfilm anschauen, in dem Tiere genauso sprechen und gestikulieren wie Menschen. Oder wir hören den Kollegen im Büro dabei zu, wie sie mit ihrem Computer oder Handy auf dieselbe Weise sprechen (und dabei meistens fluchen) wie mit einem Gegenüber der eigenen Spezies.
Auch im Bereich der Religion gibt es diese Versuchung. Dabei ist Gott, wie gerade die monotheistischen Religionen betonen, zuerst einmal der „ganz Andere“, und ihn zu vermenschlichen steht zurecht unter dem von Feuerbach und vielen weiteren Religionskritikern geäußerten Projektionsverdacht: Dann wäre nicht Gott, der den Menschen nach seinem Bild schafft, Ursprung, Ziel und Maßstab, sondern der Mensch würde sich seinen eigenen Gott nach den eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten erschaffen.
Interessanterweise gehört aber gerade die Menschlichkeit Gottes zum Zentrum des christlichen Glaubens. Der Mensch ist nach der Schöpfungserzählung Gottes Ebenbild. Und das Neue Testament geht noch einen Schritt weiter: „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Johannes 1,14). In Jesus Christus kommt Gott selbst in unsere Welt, wird Mensch unter Menschen – ohne dabei die Andersheit Gottes aufzuheben. Der dreifaltige Gott ist gleichzeitig unendlich fern und unendlich nah.
Es ist gerade diese göttliche Nähe – eines der schönsten und tröstlichsten Geheimnisse unseres Glaubens –, die die Versuchung noch größer macht, Gott nach unseren Maßstäben zu verstehen und für unsere Zwecke zu vereinnahmen. Doch schon die Bibel selbst kennt diese Versuchung und widerspricht ihr deutlich: „Meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken, und Eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jesaja 55,8).
Ostern ist das Fest, an dem sich dies besonders deutlich und für die ganze Welt heilbringend zeigt. Die Auferstehung Jesu ist kein Ereignis, das sich aus menschlicher Logik ableiten lässt, sondern durchbricht unsere Logiken von Erfolg und Scheitern, von Schuld und Vergeltung, von Tod und Leben. Ostern zu feiern heißt auch, die eigene, menschliche Logik abzulegen und Gottes Kreativität zu bewundern. Oder, in einem anderen Wort: Ostern ist das Fest des Staunens.
Staunen darüber, dass Gottes Wege größer sind als unsere Gedanken. Dass seine Liebe weiter reicht als unsere Vorstellungen. Und vielleicht provoziert dieses Staunen auch die ehrliche Frage an uns selbst: Wo machen wir unsere eigenen Ideen zu etwas Absolutem? Wo versuchen wir, Gott in unsere menschlichen Maßstäbe einzupassen? Und wo ist es besser – für uns und für die ganze Welt – Gott selbst Gott sein zu lassen?
Johannes Kutter (Rh-I, Arm)
Kb Johannes Ludger Kutter, Jahrgang 1991, studierte Theologie in Bonn und Innsbruck. 2017 weihte ihn Kb Dr. Rainer Maria Kardinal Woelki im Kölner Dom zum Priester. Seit September arbeitet er als Kaplan in der Hochschul- und Stadtjugendseelsorge der Stadt Köln.