Vorbemerkung: 
Für die Zeit vor 1900 weisen die Korrespondenzblätter (KB, 1866–1892) und die Akademischen Monatsblätter (AM, ab 1888) noch Lücken auf. Danach aber sind die AM offenbar vollständig überliefert und im internen Bereich unserer Homepage zugänglich.

Vertreterversammlungen (VV) 1914 bis 1936

Peter Johannes Weber (Ask-Bg)

Zwischen Inflation, Instabilität und Systembruch: Die Geschichte der Vertreterversammlungen (VV) in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg liest sich einerseits als Bemühen um Kontinuität, andererseits als Abfolge von Ausfällen, Umplanungen und Neubeginnen. Was in den Statuten von 1913 als verlässlicher Zweijahresturnus vorgesehen war, geriet unter dem Druck der Zeit ins Wanken.
Die Umbenennung der Verbandstagung von „Generalversammlung“ (GV) in „Vertreterversammlung“ (VV) wurde in Teil 1 dieser Reihe dargestellt. Nach den Verbandsstatuten von 1913 sollten die VV im Zweijahresturnus stattfinden, sodass die VVen regulär 1919, 1921 usw. hätten stattfinden sollen. 

Abgesagt, verschoben: Schwierige Suche nach Stabilität

Doch politische Unsicherheit, Wirtschaftskrisen und organisatorische Schwierigkeiten verhinderten mehrfach die planmäßige Durchführung. Selbst außerordentliche Versammlungen schlossen diese Lücken nur teilweise - mitunter fielen manche davon ebenfalls aus. So mussten die geplanten Treffen von 1920, 1923 und 1931 abgesagt werden.
Als sich der Verband 1919 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder in Münster versammelte, hatte sich nicht nur Deutschlands politische Ordnung verändert und war noch fragil - auch die Terminologie des KV hatte sich noch nicht gefestigt. Die neue Bezeichnung „Vertreterversammlung“ (VV) musste sich gegenüber dem gewohnten Ausdruck „Generalversammlung“ (GV) erst durchset-zen: „Die nach sechsjähriger Unterbrechung in schwerer Zeit zum ersten Male wieder tagende Generalversammlung des Verbandes katholischer Studentenvereine Deutschlands“, hieß es in der Huldigungsadresse an den Papst, und auch das Begrüßungstelegramm sprach von der „47. Generalversammlung im Rathause zu Münster i. W.“
Nicht nur in der Wortwahl, auch bei der Organisation der VVen war die Unsicherheit in den folgenden Jahren auffällig: Für 1920 zunächst in Hannover geplant und dann nach Breslau verlegt, fand die VV letztlich gar nicht statt. 1921 beschloss man in München zwar, künftig nur noch im Zweijahresrhythmus zu tagen – doch schon 1922 wich man davon wieder ab und berief in Köln eine außerordentliche VV ein. Dort wurde unter anderem festgelegt: „Mit der V.V. wird von nun an regelmäßig der Philistertag verbunden sein.“ Ferner stellte sich die Kölner VV „auf den Standpunkt, daß es wünschenswert sei, die V.V. in Zukunft an einem bestimmten Ort abzuhalten, ev. ein geeignetes Gebäude zu mieten oder käuflich zu erwerben.”

Instabile Zeiten, keine VV: 1923 und 1931

Wie fragil die Planung blieb, zeigte sich im folgenden Jahr: Die für 1923 in Breslau vorgesehene VV fiel der Inflation zum Opfer. Dazu schrieb der Verbandsgeschäftsführer Johannes Henry in den AM unter dem Titel „Der Ausfall der vorjährigen V.V. Ein offenes Wort zu einem bedauerlichen Beschluß“: „Die gemäß Verbandssatzung und Beschluß der letzten V.V. in Köln im Jahre 1923 in Breslau abzuhaltende 50. (!) ordentliche Vertreterversammlung des K.V. fiel aufgrund eines Dringlichkeitsantrages der Tuiskonia, dem der Vorort sich empfehlend angeschlossen hatte, aus.“
Erst 1924 gelang in Hannover ein neuer Anlauf – im Anschluss an die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands ebenda. In den folgenden Jahren stabilisierte sich der Tagungsrhythmus wieder: Man tagte nun jährlich. Die VV in Königsberg 1925, zeitgleich mit dem 50. Stiftungsfest der Borussia, bekannte sich ausdrücklich zur jährlichen Vertreterversamm- lung als zentralem Organ des Verbandes, zu der jede Korporation einen stimmberechtigten Vertreter zu entsenden habe.
Hinsichtlich der VV 1926 beschloss der KV, diese gleich für drei Jahre – also 1926, 1927 und 1928 – nach Fulda zu vergeben. Dahinter stand auch ein programmatischer Wandel: weg von aufwendiger Repräsentation, hin zu inhaltlicher Arbeit und Schulung. In den AM heißt es dazu: „2. Einige Gedanken über die 52. V.V. in Fulda. Erfreulicherweise wächst in unserem Verbande die Einsicht, daß die vielen repräsentativen Veranstaltungen, die bisher unsere V.V. so langwierig und kostspielig gestalteten, nicht geeignet sein können, uns auch nur einen leitenden Gedanken des modernen Studententums und des katholischen Kulturstrebens näherzubringen.“

Krisen diktieren den Kalender

Doch die Phase relativer Stabilität blieb kurz. Zwar tagte man 1929 in Essen und 1930 in Würzburg noch planmäßig – doch bereits 1931 griff die nächste Krise durch. Die VV fiel erneut aus. In den AM wird dies zunächst nüchtern vermerkt, später heißt es in Heft 9: „Wenn nach fast zweijähriger Unterbrechung V.V. und Philistertag wieder zusammentreten, so wird niemand zunächst annehmen, daß die Verhandlungen einen überaus ruhigen Verlauf genommen haben. Denn es wäre merkwürdig, wenn die Unruhe, die Spannung und Unsicherheit, die über Volk und Vaterland liegen, nicht ihre Auswirkungen auf den Generalversammlungen eines akademischen Verbandes zeitigen würden. Ende Juli 1930 war die letzte Vertreterversammlung in Würzburg gewesen. Schon waren 1931 alle Vorbereitungen getroffen, als die furchtbaren Erschütterungen des Juli 1931, die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten den Verbandsrat veranlaßten, V.V. und Philistertag 1931 auf unbestimmte Zeit zu vertagen.“
Ein Ersatztermin ließ sich nicht sofort realisieren. Erst Pfingsten 1932 kam der Verband wieder zusammen – in Würzburg, zu einer Versammlung, die rückblickend als Zäsur erscheint. Es sollte die letzte VV vor der nationalsozialistischen Machtübernahme sein.
Mit dem politischen Umbruch veränderte sich auch die Verbandsstruktur: An die Stelle der Vertreterversammlung trat der sogenannte „Führertag“ (1934 und 1935). Die Entwicklung der Tagungsorte spiegelt damit nicht nur organisatorische Fragen wider, sondern auch die Umbrüche einer ganzen Epoche.
 

Auflistung der Tagungsorte

VV Datum / Jahr Tagungsort
Weimarer Republik (1919–1932)    
  1915 kriegsbedingt keine, Pfingsten war vorgesehen
  1916 kriegsbedingt keine
  1917 kriegsbedingt keine
  1918 kriegsbedingt keine
47 10.-16.06.1919 Münster (Pfingstwoche)
48 17.-21.05.1921 München
49 31.07.-04.08.1922 ao VV Köln
  1923 inflationsbedingt keine
50 02.-07.09.1924 Hannover
51 25.07.-02.08.1925 Königsberg
52 22.-28.07.1926 Fulda
53 01.-06.08.1927 Fulda
54 28.07.-01.08.1928 Fulda
55 26.07.-01.08.1929 Essen
56 25.-30.07.1930 Würzburg
57 1931 Würzburg, ausgefallen
58 Pfingsten 1932 Würzburg
Drittes Reich (1933–1945)    
  18.02.1934 Stuttgart
  17.03.1935 Saarbrücken