Katholische Korporationen auf dem Katholikentag in Würzburg: sichtbar und präsent

Reinhard Nixdorf (Nm-W) und Stefan Batschkowitsch (Wh, Smn)

Chorgesang und christlicher Rock, Gottesdienste unter freiem Himmel, Weihrauchduft, Podiumsdiskussionen, ein überraschend selbstkritischer Bundeskanzler - und mittendrin katholische Studentenverbindungen: Fünf Tage lang war Würzburg von Begegnungen, Debatten und Feiern geprägt. Doch welcher Eindruck vom 1O4. Katholikentag Mitte Mai bleibt dauerhaft in Erinnerung?

Prägend war das Gefühl der Gemeinschaft - und die überraschende Erfahrung, wie vielfältig die katholische Kirche trotz aller Krisendia-gnosen ist. Allzu oft vermitteln hohe Kirchenaustrittszahlen und mäßig besuchte Gottesdienste den Eindruck einer schwindenden Kirche. Den Katholikentag in Würzburg bestimmte ein anderes Bild. Zwischen Fahnen, Infoständen sowie dem Duft von Kaffee und Streetfood verwandelte sich die Innenstadt in ein buntes Schaufenster katholischen Lebens. Auf der Kirchenmeile trafen traditionsreiche Verbände auf junge Reforminitiativen, Ordensgemeinschaften auf Umweltgruppen, Ministranten auf Sozialverbände und internationale Hilfswerke. Zwischen Roll-ups, Luftballons und improvisierten Bierbänken zeigte sich eine Kirche, die keineswegs uniform ist, sondern von einer erstaunlichen Vielfalt lebt. Ehrenamtliche warben enthusiastisch für ihre Anliegen, Familien blieben neugierig an Mitmachaktionen stehen. Wo eben noch diskutiert wurde, erklang wenige Meter weiter Musik; hinter dem nächsten Pavillon wurde gebetet, gelacht oder über die Zukunft der Kirche gestritten - manchmal nachdenklich, manchmal leidenschaftlich, aber fast immer getragen von der Freude an Begegnung, Gemeinschaft und gemeinsamem Glauben.

In dieses Panorama katholischen Lebens reihten sich auch die katholischen Studentenverbindungen, -vereine und Korporationen ein. Ihr Auftreten wirkte dabei nicht wie folkloristische Traditionspflege, sondern als das Bestreben, sich mit den Grundsätzen Glaube, Wissenschaft, Freundschaft und gesellschaftliche Verantwortung in die katholische Kirche einzubringen. Das zeigte sich am Stand der AGV auf der Kirchenmeile, aber auch am Freitagmorgen, dem 15. Mai, im Würzburger Neumünster. Bereits um 7.30 Uhr strömten mehr als zweihundertfünfzig Kartell-, Bundes- und Farbenbrüder zum Pontifikalamt mit Bischof Franz Jung, der Ehrenmitglied der K.D.St.V. Gothia zu Würzburg ist, in die Kirche, deren Krypta die Gebeine der Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan birgt. Vor dem Portal sammelten sich Chargierte in Couleur, Fahnen wurden ausgerichtet, im Kirchenschiff suchten verspätete Besucher noch nach freien Plätzen. Feierlich zog der Bischof zusammen mit den Konzelebranten, darunter Kb Dr. Dr. Antonius Hamers (Wh, Mk, Rhein) und Dr. Matthias Türk (Pal,Wh), ein.

Mut zur Verantwortung, Mut zum Glauben

Als der erste gemeinsame Gesang einsetzte, schien der Kirchenraum förmlich von der Wucht der Stimmen getragen zu werden. Nicht ohne Bewegung meinte später mancher, die Kirchenmauern hätten gezittert. Und so wurde dieser Gottesdienst für viele Teilnehmer zu einem Moment, in dem katholische Gemeinschaft unmittelbar erfahrbar wurde.

In seiner Predigt sprach Bischof Jung offen über die Erschöpfungserscheinungen von Kirche und Gesellschaft: über Vertrauensverlust, Polarisierung, religiöse Sprachlosigkeit und das Empfinden vieler Menschen, Gott sei ihrem Alltag fern geworden. Doch statt Untergangsstimmung zu verbreiten, deutete er die Krisen als mögliche „Geburtsschmerzen“ einer Erneuerung. Christen dürften sich nicht in den Rückzug flüchten, sondern sollten sichtbar Verantwortung übernehmen - in Politik und Gesellschaft ebenso wie im öffentlichen Bekenntnis zum Glauben.

Damit beschrieb Bischof Jung haargenau jenes Selbstverständnis, auf das sich katholische Studentenverbindungen seit jeher berufen. Die Prinzipien Religio, Scientia, Amicitia und auch Patria (womit sich der Bischof auf die Prinzipien des CV bezog) wirkten plötzlich nicht mehr wie historische Schlagworte aus Festreden und Liederbüchern, sondern wie Antworten auf sehr gegenwärtige Fragen: Glaube als Orientierung in unsicheren Zeiten, Freundschaft als Gegenentwurf zu gesellschaftlicher Isolation und Vereinsamung, Wissenschaft als Verpflichtung zu geistiger Redlichkeit und politische Verantwortung als Dienst am Gemeinwohl.

An diesen Aufruf, aus dem Glauben heraus Verantwortung zu übernehmen, knüpften die katholischen Studentenverbindungen an, wenn sie „Farbe bekannten”. Die neun Würzburger katholischen Studentenverbindungen aus KV, CV und UV waren beim Pontifikalamt mit ihren Abordnungen vertreten, dazu prominente Korporierte wie Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Der Minister hatte bereits am Abend zuvor an einem Empfang der akademischen Korporationen im Haus der CV-Verbindung K.D.St.V. Markommania teilgenommen. 
Auch beim Festkommers am Freitagabend im Würzburger Studentenhaus war Joachim Herrmann dabei und sprach ein Grußwort - gefolgt von Kb Dr. Fabian Eichmeier, (Alb, Bf), dem Aktivenvertreter im KV-Rat.
Festredner des Kommerses war der Würzburger Weihbischof Paul Reder (W.K.St.V. Unitas-Hetania). Er warb dafür, den Glauben als bewusste und verantwortete Entscheidung zu verstehen: als Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das stets auch ein persönliches Risiko berge. Gerade darin zeige sich echter Mut: nicht als angeborenes Talent, sondern als Haltung, die auf Nachdenken, Urteilskraft und innerer Überzeugung beruhe. Zugleich betonte Reder, dass eine reflektierte, geistig wache Form des katholischen Glaubens heute dringend benötigt werde - sowohl innerhalb der Kirche als auch in den gesellschaftlichen Debatten.

Dass auf einem Katholikentag seit langem wieder ein offizieller Festkommers und ein eigenes Pontifikalamt katholischer Korporationen stattfinden konnten, werteten viele Beteiligte als Signal. Nicht wenige erinnerten dabei an den Würzburger Katho-likentag von 1864, von dem wichtige Impulse für die Entstehung katholischer Studentenvereine ausgegangen waren.

Aufbruch aus der Komfortzone

Besonders eindrucksvoll hatte sich dies schon am Ende des Pontifikalamts im Würzburger Neumünster gezeigt: Mitglieder der W.K.St.V. Unitas-Hetania gedachten ihres seliggesprochenen Bundesbruders Georg Häfner, der 1941 wegen regimekritischer Äußerungen verhaftet und später im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Zwischen den Couleurfahnen und den letzten Liedzeilen erinnerte sein Schicksal daran, dass katholisches Engagement stets die Bereitschaft einschließt, für seine Überzeugung einzustehen - gerade dann, wenn es unbequem wird.

Vielleicht lag genau darin die nachhaltigste Erfahrung dieser Tage in Würzburg: nicht in einzelnen Beschlüssen oder Forderungskatalogen, sondern im Erlebnis, wie viele Menschen gemeinsam den Weg des Glaubens gehen: aktiv und spirituell, bunt und vielfältig, in Kirche und Gesellschaft. Und die katholischen Korporationen gehören dazu.