Winfridia Göttingen: „Kriegsende und Bördejahre" - Kb Pastor Henze nimmt eine 78 Jahre lang unterbrochene Debatte wieder auf

Verdutzte Gesichter gab es zu Beginn des Sommersemesters 2026 bei der Göttinger Winfridia. Mit Texten aus seinem Buch „Bördejahre“ wollte AH Pastor Winfried Henze an den achtzigsten Jahrestag des Kriegsendes von 1945 erinnern. Doch er begann seine Lesung mit einem Dank dafür, dass Winfridia die unterbrochene Diskussion über Krieg, Militärdienst, NS-Herrschaft und Widerstand fortsetzte: „In der ersten Runde sind so viele Argumente und Gedanken zu diesem uferlosen Thema angesprochen worden, dass wir abbrechen mussten, um es in einer zweiten Runde noch einmal aufzugreifen. So machen wir nach der Unterbrechung jetzt weiter.“
Allerdings gab es niemanden, der etwas von dieser „ersten Runde“ wusste. Erst Pastor Henze selbst löste das Rätsel auf – und setzte den eigentlichen Akzent des Abends mit den Worten: „Die Unterbrechung, liebe Bundesbrüder, dauerte genau 78 Jahre.“ Plötzlich stand ein fast vergessenes Stück Geschichte der nach dem Krieg wiedererstandenen Göttinger Winfridia im Mittelpunkt, genauer gesagt ein überaus spannender Konvent im Jahre 1948.
„Ich saß als frischgebackener Abiturient zwischen Bundesbrüdern, die nach den verlorenen Jahren als Frontsoldaten, nach Verwundung und langer Kriegsgefangenschaft – etliche doppelt so alt wie ich – endlich mit dem Studium begonnen hatten“, berichtete Pastor Henze. „Da waren Krieg und Widerstand keine theoretischen Themen, sondern bitter erlebte Realität. Entsprechend heftig wurde damals das Theaterstück ‚Des Teufels General‘ von Zuckmayer diskutiert. Darin besonders die Widerstandsmethode des Offiziers Oderbruch, der als Materialprüfer der Luftwaffe absichtlich Fehler in die neuen Flugzeuge einbaute, um sie zum Absturz zu bringen und Hitlers Armee zu schwächen.“ Womit Oderbruch allerdings auch den Tod seiner eigenen Kameraden in Kauf nahm. „Das hatte schon damals den fast einhelligen Protest der Winfriden hervorgerufen, aber auch die Frage: Was hätten wir denn tun sollen?“
Der historische Rückgriff blieb jedoch nicht bei der Konfliktgeschichte stehen. Mit seinem Buch „Bördejahre“ zeichnete Pastor Henze zugleich ein ganz anderes Bild aus jenen Tagen: eine hoffnungsweckende Stimmung. Da ist von der Glaubenstreue und der Pfiffigkeit einfacher Leute die Rede, von Bauern und Arbeitern auf den Rübenfeldern des Hildesheimer Landes oder in der Zuckerfabrik, von Frauen mit Hausverstand, von Menschen, denen es immer wieder gelingt, einander vor NS-Gewalt und Überwachung zu schützen.
So wurde der Abend weniger zur Rückschau als viel mehr zu einer Perspektivverschiebung: Winfridia Göttingen blickte auf eine lange unterbrochene Debatte zurück – und stellte zugleich die Frage nach ihrer Aktualität. Denn, so der Tenor, jede Zeit kennt ihre eigenen Herausforderungen, auch eine freiheitliche Demokratie.
Ein Anstoß zum Nachdenken – und ein Abend, der nicht nur erinnerte, sondern auch weiterführte.

Aktivitas des K.St.V. Winfridia Göttingen