Universitäten und Studium in Australien, Neuseeland und Ozeanien
Wer an ein Studium auf den Südseeinseln, in Neuseeland oder Australien denkt, hat wohl als erstes Bilder von wellenreitenden Surfern, kilometerweiten Stränden und Kokospalmen im Sinn. Hinter solchen Kulissen verbirgt sich allerdings eine bemerkenswerte Hochschulwelt – historisch ungewöhnlich, international renommiert, aber auch eng mit der kolonialen Vergangenheit des pazifischen Raumes verknüpft.
Von der Sträflingskolonie zur Universität
Denn die Universitäten Ozeaniens entstanden nicht in gewachsenen europäischen Bildungslandschaften, sondern in Gesellschaften aus Sträflingen, Siedlern, Goldsuchern, Missionaren und Kolonialbeamten – und im Spannungsfeld zu den indigenen Bevölkerungen Australiens, Neuseelands und der pazifischen Inselwelt. Hochschulen waren hier niemals allein Orte des Lernens und der Forschung. Sie dienten der kolonialen Verwaltung, ermöglichten sozialen Aufstieg und wurden später zugleich Räume kultureller Selbstbehauptung und Emanzipation.
Australiens akademische Geschichte begann 1850 mit der Gründung der University of Sydney Diese Hochschule orientierte sich bewusst an Oxford und Cambridge – obwohl Australien damals noch stark vom Erbe der britischen Sträflingskolonien geprägt war. Wenige Jahre später (1853) entstand die University of Melbourne. In Neuseeland wurde 1869 die University of Otago gegründet. Später folgte die föderale University of New Zealand. Heute zählen Hochschulen wie die Australian National University, die University of Sydney oder die University of Auckland zu den angesehensten Universitäten des pazifischen Raums.
Die geografische Lage macht die Region zu einem wichtigen Zentrum für Pazifik- und Klimaforschung. Studenten aus anderen Ländern bewerben sich meist direkt bei den Universitäten. Voraussetzung sind in der Regel Sprachtests wie IELTS oder TOEFL. Das Studiensystem folgt dem angelsächsischen Modell mit Bachelor, Master und Promotion.
Das studentische Leben orientiert sich bis heute teilweise an britischen Traditionen. Residential Colleges wie das Ormond College oder das St John's College pflegen akademische Rituale, Debattenkultur und gemeinschaftliches Wohnen. Klassische Studentenverbindungen deutscher Prägung existieren dagegen kaum. Stattdessen prägen Sportvereine, studentische Clubs und Campusgemeinschaften das soziale Leben.
Hochschulen der Südsee
Auf den pazifischen Inseln entwickelte sich akademische Bildung deutlich später als in Australien und Neuseeland. Erst 1968 entstand mit der University of the South Pacific eine gemeinsame Universität mehrerer Inselstaaten. Sie wurde zu einem wichtigen Symbol regionaler Zusammenarbeit und postkolonialer Selbstbehauptung. Ihr Partner in Deutschland ist die Georg-August-Universität Göttingen. Heute studieren dort junge Menschen aus Samoa, Fidschi, Tonga oder Vanuatu. Themen wie Klimawandel, Migration und indigene Identität spielen dort eine zentrale Rolle.
Lange waren die Ureinwohner Australiens und Neuseelands - Aborigines und Maoris - faktisch vom Hochschulzugang ausgeschlossen. Europäische Bildungssysteme dienten oft der kulturellen Anpassung und kolonialen Kontrolle.
Im 20. Jahrhundert wandelte sich dies grundlegend. Die Maoris Neuseelands, Australiens Aborigines und pazifische Inselbewohner begannen Universitäten zunehmend als Orte politischer Artikulation und kultureller Selbstbehauptung zu nutzen. Indigenous Studies (Indigene Studien), ein interdisziplinäres Fachgebiet, das die Geschichte, Kultur, Politik und die Rechte indigener Völker untersucht und Geschichte, Politologie und Soziologie mit indigenen Perspektiven verbindet, sowie postkoloniale Forschung gehören heute selbstverständlich zum akademischen Leben vieler Hochschulen.
Nobelpreisträger und Wissenschaftler von Weltrang
Mit dem Ausbau der Hochschulen entwickelte sich Australien auch wissenschaftlich zu einer bedeutenden Region. Der australische Mediziner Howard Florey war maßgeblich an der Entwicklung des Penicillins beteiligt. John Eccles erhielt 1963 den Nobelpreis für seine Forschungen zum Nervensystem. Aus Neuseeland stammt der Physiker Ernest Rutherford, einer der Begründer der modernen Atomphysik. Auch der tonganisch-fidschianische Schriftsteller Epeli Hau´ofa prägte mit seinen Ideen zur kulturellen Einheit Ozeaniens die postkoloniale Debatte nachhaltig.
Ein Studium in Australien oder Neuseeland ist teuer, zugleich aber international angesehen. Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Austauschprogramme erleichtern vielen Studenten den Zugang. Wer heute im Pazifikraum studiert, erlebt daher weit mehr als ein Auslandssemester. Die Universitäten Ozeaniens spiegeln bis heute die großen Themen ihrer Geschichte wider: Kolonialismus und Dekolonisierung, Migration, kulturelle Vielfalt und die Frage, wem Bildung eigentlich dient – der Herrschaft oder der Emanzipation.
R. N.
Stipendienprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) mit ausführlichen Infos: www.daad.de/de/laenderinformationen/ozeanien/australien
Infoportal der australischen Regierung: www.studyaustralia.gov.au

