Friedrich Kayser (1843-1900) – Priester, Gelehrter und Mitbegründer des K.St.V. Arminia Bonn
Dr.phil. Wolfgang Löhr
Wer im Internet nach Friedrich Kayser, Mitbegründer der Bonner „Arminia” und einer der Väter des KV, sucht, stößt auf einen Autor, der 1884 beim Verlag Herder in Freiburg i. Br. das Buch „Ägypten einst und jetzt” veröffentlichte. 2015 brachte der australische Verlag „Leopold Classic Library” ein Reprint dieses Buches heraus mit einem neuen farbigen Titelbild.
Doch mit dem Nil hat dieses Titelbild nichts zu tun. Zudem verfälschte der Verlag den Vornamen des Autors zu „Friederich“ - ein Fehler, der sich auch in Nachdrucken der Jahre 2017 und 2018 findet. Über den Verfasser dieses vor über hundertvierzig Jahren erschienenen Ägyptenbuchs, das immerhin drei Auflagen erlebte, erfährt man nichts.
Dabei ist Friedrich Kaysers Geschichte bemerkenswert. Lange Zeit wusste man über ihn kaum mehr als das, was Hermann Cardauns (1847–1925), sein Leibfuchs und späterer Chefredakteur der „Kölnischen Volkszeitung“, in den „Akademischen Monatsblättern“, in seiner KV-Geschichte von 1913 und in seinen Lebenserinnerungen festhielt. Inzwischen ist über Friedrich Kayser mehr bekannt.
Zwischen Tagebuch und Erinnerung: Friedrich Kayser, Franz Xaver Kraus und „Arminia”
Denn Friedrich Kayser wird auch in den 1957 publizierten Tagebuchaufzeichnungen des Reformkatholiken Franz Xaver Kraus erwähnt. Kraus, seit 1871 Professor für Kirchengeschichte in Freiburg i. Br. und einer der bedeutendsten Reformkatholiken des ausgehenden 19. Jahrhunderts, lernte Kayser Mitte 1865 in Bonn kennen. Die Begegnung wurde vermittelt durch stud. phil. Franz Görres, einen kaum zwanzigjährigen Studenten aus Wittlich, der Kraus in die Kreise der „Arminia“ einführte.
Görres, kaum zwanzig Jahre alt und später als Bibliothekar und Historiker in Bonn tätig, muss der „Arminia“ angehört haben – doch fehlt sein Name im ältesten Mitgliederverzeichnis von 1905. Franz Xaver Kraus, freundlich von den Arminen aufgenommen, verbringt bei ihnen als „Conkneipant“ manchen Abend. „Mit einem der Studierenden, Herrn Kayser, der sich der Theologie und Geschichte widmen will, gehe ich öfter aus“, notiert Kraus in sein Tagebuch.
Zwischen Bonn und München: Stationen einer akademischen Biografie
Es folgen Ausflüge zum Drachenfels und zum Rolandsbogen, Gespräche auf dem Wege, vielleicht zwischen Rheinblick und studentischer Zukunftserwartung. Man speist im Kreis der Arminen, teilt Gedanken, Pläne, Überzeugungen. Und die Verbindung reißt nicht ab. Nachdem Kraus im Juli 1865 von Bonn abgereist ist, begegnet er Friedrich Kayser im September in Trier im Umfeld der 17. Generalversammlung der katholischen Vereine. Kayser wird von Hermann Cardauns begleitet. In Trier trennen sich in jenen Tagen nichtfarbentragende Studentenvereine von farbentragenden Studentenverbindungen – ein Einschnitt, der die Entwicklung der katholischen Korporationen bis heute prägen.
Friedrich Kayser ist Vetter von Max Lossen, dem Stifter der „Arminia“. Die Annahme, beide hätten bereits vor 1863 gemeinsam in München studiert – zurückgehend auf Florian Werr –, hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Während Lossen und Georg von Hertling bereits für 1861/62 in den Münchner Matrikelbüchern erscheinen, ist Kayser dort erst für 1866/67 nachweisbar.
In Bonn hingegen gehört Kayser von Anfang an zu Arminias prägenden Persönlichkeiten. Bei der Gründung übernimmt er zunächst das Amt des Conseniors, danach für drei Semester das Amt des Seniors beziehungsweise Ordners. Die bewusst reformerischen Überzeugungen der „Arminia“ trägt er mit und gestaltet ihre frühe Entwicklung aktiv.
1866 geht er nach München. Dort schließt er sich der kurz zuvor gegründeten „Ottonia“ an und wirkt maßgeblich an der Umarbeitung der teilweise kuriosen Statuten mit. Den Ottonen fühlt er sich so verbunden, dass er sich ihnen als A-Philister anschließt. Der „Arminia“ bleibt er als B-Philister treu. 1892, beim 30. Stiftungsfest der „Arminia“, kehrt er nach Bonn zurück, feiert mit seinen Bundesbrüdern die heilige Messe und richtet ein Grußwort an sie.
Glaubensherkunft, Studium und geistlicher Weg
Kaysers Geburtsort ist Mülheim an der Ruhr, sein Geburtsdatum der 9. Oktober 1843. Sein Vater, Gustav Ferdinand Kayser, ist evangelisch. Später wirkt er als preußischer Wasserbauinspektor in Ruhrort bei Duisburg. Die Mutter hingegen, aus Paderborn stammend, ist katholisch. Katholisch werden auch die Kinder getauft und erzogen; nach dem Abitur studiert Friedrich Kayser Geschichte und katholische Theologie.
Während seiner Münchner Studien ist Kayser Schüler des großen Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger. Dessen spätere Rolle als Wegbereiter des Altkatholizismus ist bekannt – doch Kayser selbst folgt diesem Weg nicht. Nach Abschluss seiner Studien tritt er 1867 in das Kölner Priesterseminar ein. Am 24. August 1868 empfängt er – noch nicht fünfundzwanzigjährig – die Priesterweihe.
Krankheit und Aufbruch: Der „ruhelose Reisende”
Nach der Priesterweihe beginnt Kayser als geistlicher Lehrer am Erzbischöflichen Gymnasium Aloysianum in Opladen. Doch 1869 erkrankt er an Tuberkulose und muss seine Tätigkeit aufgeben.
Als Begleiter ebenfalls erkrankter rheinischer Adliger reist er nach Catania an der Ostküste Siziliens, danach nach Algier, schließlich nach Ägypten. Die Hoffnung auf Heilung durch warmes, trockenes Klima erfüllt sich nur teilweise: Die Krankheit wird gelindert, nicht überwunden.
Gleichzeitig bleibt Kayser wissenschaftlich tätig. 1876 erhält er in absentia den Doktorgrad der Universität Gießen mit einer Arbeit über den Nürnberger Gegenbund von 1538, der als Reaktion auf den Schmalkaldischen Bund von 1531 entstand. Zuvor war eine Promotion in Freiburg gescheitert; damals galt Gießen als Zentrum der „Absenzpromotionen“. Seine Dissertation ist heute nicht mehr auffindbar.
Rückkehr und Wirken: Lindau, Rom und Weinheim
Gesundheitlich einigermaßen stabilisiert, wirkt Kayser von 1877 bis 1881 als Religionslehrer an der Höheren Töchterschule der Englischen Fräulein in Lindau am Bodensee. Anschließend geht er für zwei Jahre nach Rom, um Studien zu Papst Nikolaus V. (1447–1455) zu betreiben – dem Humanistenpapst, der half, das seit 1378 bestehende Schisma zu überwinden.
1883 wird Kayser – obwohl „Preuße“, wie Cardauns bemerkt – in die Erzdiözese Freiburg inkardiniert und zunächst als Pfarrverwalter nach Walldorf entsandt. 1887 wechselt er nach Weinheim an der badischen Bergstraße, zunächst als Pfarrverwalter an St. Laurentius, ein Jahr später als Pfarrer.
Die Industrie- und Handwerkerstadt Weinheim ist konservativ geprägt: Noch 1891 lehnt der Gemeinderat die Einrichtung einer Telefonverbindung ab; selbst einer Elektrifizierung steht er skeptisch gegenüber. Katholiken bilden mit etwa dreißig Prozent eine Minderheit. Kayser gründet einen katholischen Männer- und einen Jünglingsverein, lässt einen Kindergarten errichten und beruft Vinzentinerinnen nach Weinheim. Seine Rednergabe wird besonders hervorgehoben, ebenso sein Engagement für die „Soziale Frage“.
Daneben arbeitet Kayser publizistisch, bespricht neue Literatur in der „Kölnischen Volkszeitung“, schreibt für die „Linzer Quartalsschrift“ und die „Literarische Rundschau für das katholische Deutschland“. In dem von dem KVer Hermann Grauert (1850–1924), den er gekannt haben muss, herausgegebenen „Jahrbuch der Görresgesellschaft“ erscheint 1885 und 1887 jeweils ein Aufsatz über Papst Nikolaus V. 1896 ediert er gemeinsam mit Dietrich Reichling die pädagogischen Schriften des Humanisten Juan Luis Vives (1492–1540).
Ägypten: Reise, Blick und Urteil
Die Ägyptenreise markiert in Kaysers Leben einen jener Einschnitte, in denen äußere Bewegung und innere Beobachtung ineinandergreifen. Aus der medizinisch motivierten Suche nach Genesung von der Tuberkulose wird eine Reise, die ihn weit über den eigenen Horizont hinausführt – und ihn zugleich in die Spannung zwischen Anschauung und Deutung stellt.
Die Eindrücke finden ihren Niederschlag in mehreren Veröffentlichungen, vor allem in der „Nilfahrt“. Einerseits ist Kaysers Sprache dort bemerkenswert klar und anschaulich, etwa wenn er den Sonnen-untergang über dem Nil beschreibt. Andererseits ist sein Urteil stark von zeittypischen Deutungsmustern geprägt. Hart beurteilt er die Kopten und ihren Monophysitismus. Ihre religiöse Kontinuität erscheint ihm nicht als historische Leistung, sondern als Ausdruck ethnischer „Zähigkeit“. Ihre Bildung bewertet er abfällig, ihr Klosterwesen als „entartet“.
Zugleich finden sich differenzierende Beobachtungen: Anerkennung arabischer Musik, die Beschreibung der Fellachenfrau als „Gefährtin“, Respekt gegenüber den Matrosen des Nil-Schiffs und ihrer religiösen Praxis.
Am eindrücklichsten verdichtet sich Kaysers Reiseerfahrung in der Beschreibung der Stromschnellen, der Katarakte des Nils. Gerade hier, wo die Stromschnellen zum Bild einer Natur werden, die sich jeder Ordnung entzieht und den Reisenden zwingt, seine eigene Wahrnehmung neu auszurichten, erreicht seine Sprache jene gesteigerte Anschaulichkeit, die ihm später den Beinamen „Katarakten-Kayser“ einträgt – als habe sich in diesem einen Bild der gesamte Spannungsbogen seiner ägyptischen Erfahrung verdichtet. Während Kaysers 96 Seiten umfassende Schrift „Nilfahrt“ heute kaum noch rezipiert wird, ist das eingangs erwähnte Werk „Ägypten einst und jetzt“ mit 297 Seiten und rund hundert Abbildungen wieder gut zugänglich. Es liest sich flüssig und klar; sein Stil wirkt nur selten antiquiert. Kurioserweise wird Kayser gelegentlich als Ägyptologe bezeichnet. Dieser Ruf hängt vor allem mit der dritten Neuauflage des Buches zusammen. Sie erschien 1908, acht Jahre nach Kaysers Tod. Diese Ausgabe wurde von dem klassischen Philologen und Pädagogen Ernst M. Roloff überarbeitet; dabei zog er auch Ägyptologen hinzu, um Fehler zu korrigieren und neue Forschungsergebnisse einzuarbeiten. Die Neubearbeitung fand große Beachtung und wurde 1912 ins Französische übersetzt. Anlass hierfür waren insbesondere die im Vorwort hervorgehobenen Darstellungen zu Religion, Kunst, Sprache und Schrift des alten Ägypten; eine vergleichbare französische Darstellung lag zu dieser Zeit noch nicht vor.
Tod, Nachwirkung und Vermächtnis
Nach dreizehn Jahren in Weinheim steht Kayser vor einem Wechsel nach Karlsruhe. Doch dazu kommt es nicht mehr: Überraschend stirbt er am 28. Februar 1900 im Alter von 56 Jahren an einer Lungenentzündung.
Die „Kölnische Volkszeitung“ würdigt ihn als „reich begabten und hochangesehenen Mann“. An seinem Grab legen Hermann Cardauns, der ihm nach eigenen Worten „so viel zu verdanken hatte“, Paul Diepgen, der damalige Ordner der „Arminia“ und einer der späteren Begründer der Medizingeschichte sowie Großvater des langjährigen Berliner Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen, sowie fünf Heidelberger Palaten Kränze nieder.
Im Rückblick bezeichnete Hermann Cardauns Friedrich Kayser als „einen der besten Männer“ des Verbandes, dem man Dank schulde, als verdienstvollen Arminen, der vor fast vierzig Jahren „an der Wiege“ dieses Studentenvereins gestanden habe. Die „Ottonia“, der auch Cardauns als B-Philister angehörte, erwähnte er dabei erstaunlicherweise nicht.
Hohe Summen aus seinem beträchtlichen Vermögen hinterlässt Friedrich Kayser zahlreichen kirchlichen und sozialen Einrichtungen, darunter dem Bonifatiusverein, Einrichtungen in Weinheim sowie einem Stipendium für einen Theologiestudenten. Seine Bibliothek vermacht er dem Freiburger Domkapitel.
Friedrich Kayser war Priester, Gelehrter, Reisender und Publizist. Dass er in Vergessenheit geriet, mag an der Kürze seines Lebens liegen, an seiner Zurückhaltung oder auch an späteren Verwechslungen. Doch seine Spuren sind da: in Tagebüchern, in Schriften, in Erinnerungen – und in einem Leben, das sich zwischen Rhein, Rom und Nil entfaltete.

