Urlaub und Mariä Himmelfahrt

Thomas Kettel (Nm)

Der Sommer hat seine eigene Sprache. Die Tage werden länger, wir genießen laue Sommerabende und die Aktiven nutzen jede Möglichkeit, den Grill anzuwerfen. Für viele ist es die Möglichkeit, die Koffer zu packen und in den Urlaub zu fahren: ans Meer, in die Berge, zu Verwandten oder einfach nur hinaus aus dem Gewohnten. Urlaub bedeutet für viele zuerst Erholung. Endlich ausschlafen. Keine Sitzungen, keine Verpflichtungen, kein ständiger Blick auf die Uhr. Man möchte wieder zu Atem kommen.

Und doch zeigt sich oft gerade im Urlaub etwas Eigenartiges: Sobald der Lärm des Alltags verstummt, werden auch die Fragen lauter, die sonst übertönt werden. Wer bin ich eigentlich jenseits meiner Aufgaben? Was trägt mich? Was suche ich? Vielleicht ist es kein Zufall, dass Menschen im Urlaub plötzlich wieder offen werden für Kirchen, für Zeiten der Stille und des Gebets, für die Frage nach Gott. Der Mensch lebt eben nicht nur von Arbeit und Funktion. Er lebt von Sinn, von Hoffnung, von Beziehung – letztlich von Gott.
Mitten in diese Sommerzeit hinein feiert die Kirche Mitte August das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Auf den ersten Blick scheint dieses Fest wenig mit Urlaub zu tun zu haben. Und doch verbindet beide etwas Tiefes: die Sehnsucht des Menschen nach Heimat und Vollendung.

„Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: der Erstling Christus; danach die, welche Christus angehören, wenn er kommen wird” (1. Korinther 15, 22-23)

Mariä Himmelfahrt erinnert uns daran, dass unser Leben nicht im Vorläufigen endet. Maria ist nicht einfach nur „weggenommen“ worden aus dieser Welt. In ihr zeigt Gott vielmehr, was er mit uns allen vorhat. Ein Mensch – mit Leib und Seele – ist bereits ganz bei Gott angekommen. 
In Maria zeigt sich in außerordentlicher Weise die Frucht der Erlösung in Christus. Was an ihr sichtbar geworden ist, das ist die Verheißung für die ganze Kirche: dass unser Leben ein Ziel hat, das größer ist als Tod, Scheitern und Vergänglichkeit.

Gerade im Urlaub spüren viele Menschen, wie sehr sie sich nach einem solchen Ziel sehnen. Man fährt an wunderschöne Orte, steht staunend vor den Bergen oder blickt auf das offene Meer. Für einen Augenblick scheint alles vollkommen. Und doch weiß man: Auch der schönste Urlaub geht zu Ende. Die Rückfahrt kommt 
sicher. Die Koffer müssen wieder ausgepackt werden. Kein Ort dieser Erde kann bleibende Heimat des Menschen sein.

Vielleicht liegt darin sogar ein tiefer geistlicher Sinn des Urlaubs. Er schenkt uns einen Vorgeschmack dessen, wonach wir eigentlich unterwegs sind. Ruhe, Freude, Gemeinschaft, Schönheit – all das sind nicht bloß angenehme Nebensachen. Es sind Hinweise auf die größere Wirklichkeit Gottes. Der heilige Augustinus schreibt: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Der Urlaub kann uns helfen, diese Unruhe wieder wahrzunehmen und zugleich die Ahnung zu bekommen, wonach unser Herz sich wirklich sehnt. Maria weist uns dabei den Weg. Ihr Leben war keineswegs ein dauerhafter „Sommer“. Sie kannte Sorge, Unsicherheit und Schmerz. Sie musste fliehen, sie stand unter dem Kreuz ihres Sohnes, sie erlebte Dunkelheit und Leid. Und doch blieb sie treu bei ihrem Sohn und offen für Gottes Plan. Gerade darin ist sie Vorbild für uns. Nicht die Abwesenheit von Belastung macht das Leben heil, sondern die Gegenwart Gottes mitten darin.

Darum kann das Fest Mariä Himmelfahrt auch eine Einladung sein, den Urlaub geistlich zu verstehen. Nicht nur als Flucht aus dem Alltag, sondern als Unterbrechung, die den Blick neu ausrichtet. Vielleicht gelingt es gerade in diesen Wochen, wieder bewusster zu beten, eine Kirche zu besuchen, ein geistliches Buch zu lesen oder einfach still zu werden. Und Mariä Himmelfahrt erinnert uns schließlich daran: Der Mensch ist für den Himmel geschaffen. Unser Weg führt nicht ins Nichts, sondern in die Hände Gottes. Alle Erholung dieser Welt bleibt vorläufig. Aber sie kann ein Zeichen sein für die endgültige Ruhe bei Gott.
So ist der Urlaub vielleicht mehr als eine Pause. Vielleicht ist er eine kleine Erinnerung daran, dass wir Pilger sind – unterwegs zur ewigen Heimat. Und Maria, die bereits am Ziel angekommen ist, geht uns voraus.
 

15. August: Mariä Himmelfahrt

Das Fest Mariä Himmelfahrt am 15. August gehört zu den ältesten Marienfesten der Christenheit. Seine Ursprünge reichen bis ins 5. Jahrhundert zurück. Zunächst wurde es im Osten des Römischen Reiches als Fest des „Heimgangs Mariens“ („Dormitio Mariae“) gefeiert. Kaiser Maurikios legte um 600 den 15. August als offiziellen Termin fest. Von Byzanz aus verbreitete sich das Fest im gesamten Christentum. 
Gefeiert wird die Aufnahme Marias in den Himmel. Dahinter steht die Überzeugung, dass Maria als Mutter des Herrn in besonderer Weise an der Auferstehung Christi teilhat. Das Fest soll die Hoffnung der Gläubigen auf die Auferstehung und das ewige Leben stärken. 1950 erhob Papst Pius XII. den Glauben an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel offiziell zum Dogma der katholischen Kirche.