Der Verband berät über Finanzen, Digitalisierung und seine zukünftige Ausrichtung
Reinhard Nixdorf (Nm-W)
Mitte Mai, parallel zu den letzten Tagen des Katholikentags in Würzburg, kamen in München der Aktiventag und der Hauptausschuss des KV zu Beratungen zusammen. Konzentriert diskutierten die Delegierten über Finanzfragen, Digitalisierung, Transparenz, Verbandsidentität und die Zukunft des KV.
Eine Mischung aus Vertrautheit und Anspannung lag über dem Sitzungssaal des OASE-Hauses, dessen Name die Funktion dieses Hauses als Heim von Ottonia, Albertia, Saxonia und Erwinia symbolisiert. Draußen fegten Windböen und Regenschauer durch die Stadt, drinnen klapperten Laptops, raschelten Papierstapel, leuchteten Bildschirme mit zugeschalteten Delegierten auf.
Auf dem Aktiventag am Vormittag hatte der Vorortspräsident einen Entwurf zum Münchner Verbändeabkommen erläutert, auf dessen Grundlage KV, CV und UV ihre Zusammenarbeit vertiefen und intensivieren wollen. Der Entwurf wurde von den drei Vorortspräsidenten Nikolaus Schmid (KV), David Piepenberg (CV) und Max Brückner (UV) erarbeitet und erstmals auf dem Drei-Verbände-Gespräch zwischen CV, KV und UV vorgestellt. Unter anderem soll dieses Abkommen die gegenseitige Aufnahme aktiver und philistrierter Mitglieder, die Zusammenarbeit bei Neugründungen, aber auch gemeinsame Initiativen in Hochschule, Gesellschaft und Kirche regeln. Da die Verbandsversammlungen von KV, CV und Unitas diesem Abkommen zustimmen müssen, soll die Entwurfsfassung in den Verbänden bekannt gemacht werden, um so eine breitere Diskussion einzuleiten. In der kommenden Ausgabe der AM folgen weitere Einzelheiten dieses Abkommens.
Leider hatte sich der Aktiventag nicht auf einen neuen Vorort zum Wintersemester 2026/27 und Sommersemester 2027 einigen können, sodass ein außerordentlicher Aktiventag einberufen werden muss. Die Kandidatur des K.St.V. Brisgovia wurde mit 12 gegen 31 Stimmen bei zahlreichen Enthaltungen abgelehnt.
Das sorgte vor der Sitzung des Hauptauschusses am Nachmittag für Gesprächsstoff. Schließlich eröffnete der Vorsitzende des KV-Rats, Kb Dr. Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, Urb, E-Wk, E- Eck), die Sitzung. Die Beschlussfähigkeit war problemlos gegeben: Altherren- wie Aktivenvertreter waren vollständig vertreten, teils vor Ort, teils digital zugeschaltet, so auch der Geschäftsführer des KV-Sekretariats in Marl, Damian Kaiser.
Zum Sitzungsleiter wurde Kb Stefan Gaßmann (Mk, Smn) gewählt. Er eröffnete die Sitzung mit einem Gebet und mahnte danach eindringlich einen Punkt an, der auf dem Aktiventag zuvor Diskussionen ausgelöst hatte: den Umgang mit dem studentischen Comment. Deutlich mahnte er zur Einhaltung der gefundenen Kompromisse: „Die gute Sitte gebietet es nämlich, dass sich alle an Kompromisse halten sollten, die unter hartem Ringen erzielt worden sind.” Wer sich als offizieller Vertreter auf dem Hauptausschuss nicht an die bindenden Beschlüsse einer VV halte, müsse im schlimmsten Fall mit einem Raumverweis rechnen.
Welche Leistungen können wir uns dauerhaft leisten?
Im Mittelpunkt der Sitzung stand jedoch die finanzielle Lage des Verbandes. KV-Ratsvorsitzender Kb Dr. Markus Wittenberg machte in seinem Bericht keinen Hehl aus dem tiefgreifenden Veränderungsprozess, in dem sich der KV befindet. Ausgangspunkt aller Überlegungen sei der Auftrag der vergangenen Vertreterversammlung, die Arbeit des Verbandes an die Möglichkeiten anzupassen, die ein Verbandsbeitrag gestattet, der von allen KV-Vereinen akzeptiert wird. Die entscheidende Frage laute nicht mehr: „Welche Leistungen wollen wir?“, sondern: „Welche Leistungen können wir uns dauerhaft leisten?“
Markus Wittenberg dankte den Mitarbeitern des KV-Sekretariats. Besonders die Nachwirkungen des plötzlichen Todes des langjährigen Mitarbeiters Thomas Schmöller vor drei Jahren seien bis heute nicht vollständig überwunden. Dadurch seien erhebliche Mehrbelastungen entstanden. „Auch da liegen gelegentlich die Nerven blank“, räumte der KV-Ratsvorsitzende ein.
Ergänzend schilderte Damian Kaiser die angespannte Lage im KV-Sekretariat. Ziel sei es, mit den aktuellen Neueinstellungen die Arbeitsfähigkeit des Sekretariats bis Ende 2027 wieder vollständig herzustellen. Voraussetzung dafür sei jedoch, dass die neuen Mitarbeiter die notwendigen Spezialkenntnisse erlernten. Nach Thomas Schmöllers Tod habe man zahlreiche Aufgaben neu verteilen oder an externe Dienstleister vergeben müssen, was zu zusätzlichen Belastungen und Verzögerungen geführt habe. Gleichzeitig seien dem Sekretariat weitere Projekte übertragen worden, etwa die Übernahme des Sekretariats der Gesellschaft katholischer Publizistinnen und Publizisten (GkP). Dafür allerdings seien die bisherigen Strukturen nicht ausgelegt gewesen.
Auch praktische Probleme der Mitgliederverwaltung wurden sichtbar. Damian Kaiser verwies auf die Folgen der Entscheidung der Vertreterversammlung 2025, den Versand bestimmter Ausgaben der „Akademischen Monatsblätter“ an alle Kartell- und Bundesbrüder wieder einzuschränken. Gerade dieser Versand habe jedoch zuvor geholfen, zahlreiche veraltete Adressen zu aktualisieren und die Zahl „unbekannt verzogener“ Mitglieder deutlich zu reduzieren. Seit der Rücknahme des Beschlusses auf der VV in Schmochtitz steige diese Zahl jedoch erneut an.
Intensiv diskutiert wurde die Zukunft der „Akademischen Monatsblätter“ (AM), des traditionsreichen Verbandsorgans. Zwar hatte die Vertreterversammlung 2025 in Schmochtitz bereits eine Reduzierung der Ausgaben beschlossen, doch Kb Dr. Markus Wittenberg machte deutlich, dass dies wohl nicht ausreiche. Wenn etwa zusätzliche Ausgaben der AM mithilfe von Spenden finanziert werden sollten, sollten diese nicht nur Druck- und Versandkosten decken, sondern auch die internen Arbeitsaufwände im Sekretariat.
Einsparungen und das Prinzip Hoffnung
Ein Delegierter monierte, der Verband gebe zu viel Geld für externe Dienstleister aus, obwohl manche Aufgaben auch ehrenamtlich erledigt werden könnten. Kb Dr. Wittenberg bat daraufhin, dem Sekretariat die Kartellbrüder zu nennen, die bei Ausfällen etwa infolge von Erkrankungen bereit seien, punktgenau einzuspringen. Auch habe der Verband im Bereich Social Media erfolgreich Kosten gesenkt: Während die Betreuung früher für rund 1.000 Euro monatlich ausgelagert worden sei, übernehme inzwischen ein Aktiver des K.St.V. Wiking diese Arbeit für die Hälfte der Kosten. Weitere Einsparungen betreffen Reisekosten und repräsentative Ausgaben. Vertreter des KV-Rates sollen künftig nur noch bei „runden Jubiläen“ auf Verbandskosten teilnehmen. KV-Vereine, die darüber hinaus einen offiziellen Besuch wünschten, müssten künftig Anreise und Übernachtung selbst finanzieren. Auch beim Carl-Sonnenschein-Wissenschaftspreis wurde eine Obergrenze eingeführt: Das gesamte Preis-Paket einschließlich Begleitkosten wird künftig auf 5.000 Euro begrenzt.
Trotz zahlreicher Sparmaßnahmen brachte Kb Florian Florack (Ale) die Sorge vieler Delegierter auf den Punkt: Zwar seien bereits zahlreiche Kürzungen vorgenommen worden, doch habe man erst etwa die Hälfte der notwendigen Einsparungen erreicht. „Da ist mir zu viel Prinzip Hoffnung“, warnte er mit Blick auf noch unklare Einsparpotenziale im IT-Bereich oder bei Verwaltungsabläufen.
Ein zentrales Diskussionsthema bildete dabei die sogenannte Vollkostenrechnung des Verbandes. Diese ermöglicht zwar eine besonders detaillierte finanzielle Transparenz, verursacht jedoch erheblichen zusätzlichen Arbeitsaufwand im Sekretariat und bei der Erstellung des Jahresabschlusses - und damit mehr Kosten. Mehrere Delegierte stellten deshalb die Frage, ob dieser Aufwand noch verhältnismäßig sei.
Offen fragte Kb Stefan Gaßmann, weshalb der Hauptausschuss die Vollkostenrechnung nicht sofort abschaffen könne. KV-Ratsvorsitzender Dr. Markus Wittenberg verwies jedoch auf die demokratische Legitimation der bisherigen Regelung: Da die Vertreterversammlung die Einführung beschlossen habe, müsse auch eine Vertreterversammlung über ihre Abschaffung entscheiden.
Aus Verwirrung erwächst Unsicherheit – und aus Unsicherheit Misstrauen
Die Diskussion zeigte das Spannungsfeld, in dem sich der Verband derzeit bewegt: Einerseits besteht der Wunsch nach größtmöglicher Transparenz, andererseits wächst die Sorge, dass die Bürokratie die Arbeitsfähigkeit des Verbandes lähmt.
Offen formlierte dies Markus Wittenberg: Große Zahlenwerke sorgten bei vielen Delegierten eher für Verwirrung als für Klarheit. „Aus Verwirrung erwächst Unsicherheit – und aus Unsicherheit Misstrauen.“
Auch strukturelle Reformen standen auf der Tagesordnung. Diskutiert wurde erneut eine mögliche Zusammenarbeit oder gar Zusammenlegung von Sekretariaten mit anderen katholischen Verbänden, insbesondere dem CV. Markus Wittenberg berichtete von ersten vorsichtigen Annäherungen, machte aber deutlich, dass solche Prozesse nur langsam vorankämen. Das Münchner Verbändeabkommen ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Freilich muss es von KV, CV und UV noch diskutiert und ratifiziert werden.
Intensiv diskutiert wurde außerdem die Zukunft des Europäischen Kartellverbandes (EKV). Mit Blick auf den österreichischen Schwesterverband ÖKV, dessen Interesse am KV wächst, wolle man jedoch am EKV festhalten, zumal sich der jährliche Mitgliedsbeitrag in Grenzen hält, meinte Markus Wittenberg. Im Hinblick auf den EKV steht der KV darum in enger Abstimmung mit dem ÖKV.
Großen Raum nahm darüber hinaus die Digitalisierung des Verbandes ein. Kb Bernhard Biendl (Ale) stellte den Bericht der IT-Task-Force vor und machte deutlich, dass insbesondere die veraltete Access-Datenbank des Verbandes zunehmend zum Problem werde. Diskutiert wird nun eine grundlegende Modernisierung der IT-Infrastruktur – entweder über klassische Serverlösungen oder über Cloud-Technologien. Kb Biendl sprach sich für eine Cloud-Lösung aus, die langfristig mehr Flexibilität ermögliche.
Die Digitalisierung soll vor allem Verwaltungsabläufe vereinfachen und die Arbeit rund um Mitgliedsbeiträge erleichtern. Konkrete Einsparungen lassen sich derzeit allerdings noch nicht beziffern. Zugleich wurde deutlich, dass der Verband bei der Digitalisierung aufholen muss: Andere
Verbände verfügen inzwischen über moderne Mitgliederverwaltungssysteme mit standardisierten Schnittstellen.
Ein Verbandspatron für den KV
Neben Finanz- und Strukturfragen beschäftigte den Hauptausschuss auch das Selbstverständnis des Verbandes. Besonders sichtbar wurde dies im Bericht der Verbandsseelsorger. Dort entstand die Idee, dem KV künftig einen offiziellen Verbandspatron zu geben. Als Kandidaten wurden unter anderem Albertus Magnus, Edith Stein und Thomas von Aquin genannt.
Stefan Gaßmann begründete den Vorschlag theologisch und verbandspolitisch. Ein Patron könne helfen, katholische Identität sichtbarer zu machen und dem Verband einen geistlichen Bezugspunkt zu geben. Gerade in einer Zeit schwindender gemeinsamer Bindungen könne ein Patronatsfest oder regelmäßige Wallfahrten identitätsstiftend wirken und dem Prinzip „Religio” neue Impulse geben.
Einen wichtigen sozialen Akzent setzte der Bericht des Altherrenbundes. Dort wurde ein Verfahren vorgestellt, das pflegebedürftige und dadurch finanziell überforderte Kartellbrüder vor einem Ausschluss aus dem Verband schützen soll. Künftig können Vereine beim Altherrenbund beantragen, langjährige Mitglieder von der Beitragspflicht zu befreien. Alle stimmten darin überein, dass es sich nicht gehöre, sich von Kartellbrüdern, die jahrzehntelang ihre Beiträge bezahlt haben, zu trennen, wenn sie ihre Beiträge wegen Alter und Pflegebedürftigkeit nicht mehr aufbringen könnten. Einmal mehr zeigt dies, wie wichtig dem KV sein Selbstverständnis als lebenslange Gemeinschaft ist.
Immer wieder wurde im Verlauf der Sitzung deutlich, dass viele Probleme des Verbandes weniger spektakulär als vielmehr strukturell sind. Markus Wittenberg sprach von einer „kleinen Kärrnerarbeit“, bei der nun zahlreiche einzelne Einsparpotenziale erschlossen werden müssten.
Zugleich appellierte er an die Eigenverantwortung der Mitgliedsvereine. Viele zusätzliche Arbeitsbelastungen entstünden schlicht dadurch, dass Vereine ihre Mitgliederlisten nicht korrekt führten oder Beitragsmeldungen verspätet einreichten.
Zum Ende der Sitzung richtete sich der Blick auf die Zukunft. Diskutiert wurde die Vertreterversammlung 2028: Sie könnte mit dem 175. Stiftungsfest des K.St.V. Askania-Burgundia Berlin, des ältesten KV-Vereins, verbunden werden. Eine Entscheidung wurde zwar noch nicht getroffen, doch die Diskussion zeigte erneut jenes Spannungsfeld, das sich durch die gesamte Sitzung zog: der Wunsch nach attraktiven Veranstaltungen und lebendiger Tradition einerseits – und die Notwendigkeit finanzieller Zurückhaltung andererseits.
Dringend erforderlich: die Mitarbeit der KV-Vereine
Der Hauptausschuss vermittelte das Bild eines Verbandes im Übergang. Die Diskussionen waren streckenweise recht offen, bisweilen auch selbstkritisch. Gleichzeitig zeigte sich ein bemerkenswerter Wille zur Stabilisierung und Erneuerung. Zwischen Haushaltszahlen, Cloud-Lösungen, Patronatsideen und Traditionsfragen wurde deutlich: Der KV ringt nicht nur um Einsparungen, sondern um seine künftige Gestalt als katholischer Studentenverband im 21. Jahrhundert. Und die fröhliche Kneipe am Abend auf dem Haus der Münchner Alemannen war ein schönes Beispiel für den guten Zusammenhalt unter den Vereinen des KV.



