Carpe diem – Vom Geschenk der Zeit
Reinhard Röhrner (Ale)
Die Uhrzeiger wandern gemächlich über das Zifferblatt, ganz egal, ob sie mechanisch bewegt, oder auf einem Display dargestellt werden. Immer in stoischer Gelassenheit, ohne Aufregung, völlig gleichmäßig. Andererseits sagen wir, die Zeit sei relativ, die Wahrnehmung der Zeit unterscheidet sich. Wir teilen die Zeit ein in Jahre, Monate, Wochen, Tage. Wir bestimmen Stunden, Minuten und Sekunden, oft sogar Bruchteile davon. Was wir damit messen, lässt uns verschiedene Zeitabschnitte in ihrer Dauer vergleichen, aber nicht wie diese Zeit gefüllt ist.
Wir sprechen von „knapper Zeit“, wenn wir Fristen und Termine einhalten müssen. Dann „geht uns die Zeit aus“, obwohl sie doch unbeirrt weiterläuft, gleichmäßig wie ein Uhrwerk. Der Zwiespalt von erlebter Zeit und gemessener Zeit zeigt sich in solchen Erfahrungen ganz deutlich. Aus der Hospizbewegung ist das Wort von Dame Cicely Saunders OM, DBE bekannt: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ In der Begleitung der letzten Lebensphase, in der sich für einen Menschen ganz konkret seine Lebenszeit in dieser Welt dem Ende zuneigt, wird deutlich, was wir instinktiv schon immer wieder spüren, aber gerne verdrängen, weil noch so viel zu tun ist. Hier geht es darum, in den äußerlich eingeschränkten Umständen lebenswerte und erfüllte Zeit zu schenken. Ja, obwohl wir das wertvolle Gut der Zeit nicht in Händen halten können, können wir sie verschenken, wenn wir aufmerksam sind für die Menschen um uns und für den Augenblick, in dem Miteinander entsteht. Das kann ganz unterschiedlich sein, wie es auch die Menschen sind.
Ein wichtiger Wendepunkt in den Exerzitien ist die Betrachtung aus der Todesstunde. Eine Herausforderung für den Übenden und den Anleitenden. Ich stelle mir vor, dass ich in der Todesstunde auf mein Leben und meine Entscheidungen zurückblicke. Was möchte ich, dass bleibt? Mit wem und womit möchte ich Zeit verbracht haben, wenn ich spüre, dass die letzte Stunde unausweichlich auf mich zukommt? – Selten stehen da die üblichen alltäglichen Spiele um Macht, Erfolg und Geld im Mittelpunkt. Da kommen mit einem Mal ganz andere Fragen und Begegnungen in den Sinn. Nicht das alltägliche Geplänkel, mit dem wir viele Stunden anfüllen, vorübergehende Begegnungen, die nicht wirklich den Menschen berühren. Am Fest Mariä Heimsuchung feiern wir die Begegnung von Maria und Elisabeth in Ein Karem, am sprudelnden Brunnen. Hier begegnen sich zwei große Frauen, die genau wegen dieser Art der Begegnung groß genannt werden. Sie berühren einander im Herzen. Solche Begegnungen schenken neuen Mut für die Herausforderungen des Alltags. Begegnung von Mensch zu Mensch und Mensch mit Gott.
„Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich ihm ganz überließen.“ erinnert uns Ignatius von Loyola. Zeigt sich der reife Mensch nicht vor allem darin, dass er nicht „mit Gewalt“ etwas machen muss, sondern sich als Werkzeug versteht, in dem das Gute in der Welt spürbar wird? Eine Erinnerung, die in der Todesstunde sicher Ruhe schenkt.
Der römische Dichter Horaz hat das in einem Brief mit dem geläufigen Carpe Diem beschrieben. Er lädt ein, den Tag wie einen Apfel zu pflücken, den Baum zu betrachten und eine reife Frucht pflücken, in der Gegenwart sein und sich nicht schon im Moment des Pflückens mit allen künftigen Fragen beschäftigen. Den Tag, den Augenblick nützen, weil ich ganz da bin.
Die Wochen des Urlaubs laden uns ein, zu uns selbst und zu Gott zu kommen. Offen zu sein für die Begegnung, die tief im Innern berührt und an die wir uns gerne erinnern.
carpe diem quam minimum credula postero. (Horaz, Carmen 1,11)
Reinhard Röhrner (Ale)
Jahrgang 1971, wuchs in Vilsbiburg auf und wurde im Wintersemester 1992/93 bei der K.S.St.V. Alemannia aktiv. Sein Studium in München und Lyon beschloss er mit Lizentiaten in Theologie und Philosophie sowie dem Magister in Medien- und Kommunikationswissenschaften. 2001 zum Priester geweiht, ist er seit 2018 Pfarrer in Kelheim.
