Stefan Hilscher

Stefan Hilscher, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), sprach beim 127. Stiftungsfest der K.St.V. Ludovicia Augsburg am 27. Juni 2o26 im Augsburger Kolpinghaus über Medien, Vertrauen und öffentliche Stimmung

Manchmal erzählt eine einzige Zahl mehr Geschichte als ein ganzes Geschichtsbuch. Diese Zahl lautet: 127, genauer 127 Jahre.

Einhundertsiebenundzwanzig Jahre sind länger als jede deutsche Staatsform, in der die Ludovicia jemals gelebt hat.
Das Deutsche Kaiserreich dauerte kürzer. Die Weimarer Republik ohnehin. Die nationalsozialistische Diktatur bestand zwölf Jahre. Und selbst die Bundesrepublik Deutschland ist – so erstaunlich das zunächst klingen mag – jünger als die Ludovicia.
Deshalb sollten wir nicht zuerst fragen, was eine Studentenverbindung von der oder über die Demokratie lernen kann. Womöglich lohnt es sich vielmehr, die Frage einmal umzudrehen: Was kann unsere Demokratie von einer Gemeinschaft lernen, die seit 127 Jahren besteht? Denn wer über einen so langen Zeitraum Bestand hat, muss etwas richtig gemacht haben. Nicht alles – aber etwas Entscheidendes. Eine Verbindung lebt nicht deshalb über Generationen fort, weil sie ein schönes Haus in der Augsburger Altstadt besitzt, kluge Satzungen geschrieben hat oder ihre Traditionen pflegt. 
Sie lebt, weil Menschen Verantwortung übernehmen. Weil sie bereit sind, etwas weiterzugeben, das sie selbst empfangen haben: Freundschaft, Vertrauen und Verlässlichkeit. Vielleicht gilt genau das auch für Demokratien.
Der Titel dieses Beitrages lautet: „Wie viel Krise verträgt die Demokratie?“ Aber führt uns diese Frage möglicherweise in die falsche Richtung? Denn Krisen gehören zur Geschichte jeder freien Gesellschaft. Wer glaubt, es habe einmal Zeiten ohne Krisen gegeben, verwechselt Erinnerung mit Wirklichkeit.

Demokratie im Härtetest

Die Gründergeneration der Ludovicia konnte nicht ahnen, welche Erschütterungen das 20. Jahrhundert bereithalten würde. Zwei Weltkriege, der Untergang der ersten deutschen Demokratie, die nationalsozialistische Diktatur, Teilung und Wiedervereinigung lagen noch vor ihr.
Auch die Geschichte der Ludovicia blieb davon nicht unberührt. Mit der nationalsozialistischen Gleichschaltung geriet der gesamte Kartellverband unter massiven Druck. Der Verbindungsbetrieb musste eingestellt werden, viele Bundesbrüder wurden zum Kriegsdienst eingezogen, manche kehrten nicht zurück. Erst nach 1945 war ein Neuanfang möglich.
Diese Geschichte ist bewegend. Sie erzählt nämlich nicht nur vom Bestehen. Sie erzählt vom Wiederbeginnen. Und möglicherweise ist gerade das eine der wichtigsten demokratischen Erfahrungen überhaupt.
Dass wir heute hier in Augsburg in Freiheit über den Zustand unserer Demokratie diskutieren können, ist alles andere als selbstverständlich. Es gab, wie gesagt, Zeiten, in denen katholische Studentenverbindungen wie die Ludovicia gerade wegen ihres christlichen Selbstverständnisses und ihrer Unabhängigkeit keinen Platz mehr im öffentlichen Leben haben sollten. Wer diese Geschichte kennt, wird vorsichtiger mit dem Satz, Demokratie sei selbstverständlich.
Sie ist es nicht, sie war es nie. Und sie wird es niemals sein. Denn Demokratie ist kein Naturzustand. Sie ist eine kulturelle Errungenschaft, die jede Generation neu begründen muss. Was also trägt Demokratien durch Krisenzeiten?
Die Antwort beginnt nicht bei Gesetzen. Nicht bei Verfassungen. Nicht einmal bei Wahlen. Sie beginnt bei etwas, das wir meist erst dann wahrnehmen, wenn es verloren geht: Vertrauen.
Vertrauen ist eine merkwürdige Ressource. Solange genug davon vorhanden ist, sprechen wir kaum darüber. Erst wenn das Vertrauen schwindet, merken wir, wie sehr wir darauf angewiesen sind. Wir vertrauen darauf, dass Gerichte unabhängig entscheiden, dass Verträge gelten, dass Wahlergebnisse akzeptiert werden und dass der Staat seine Aufgaben erfüllt.

Was unsere Demokratie stärkt – und was sie ins Wanken bringt

Dieses Vertrauen ist der unsichtbare Kitt jeder demokratischen Gesellschaft. Allerdings entsteht Vertrauen nicht von selbst. Es wächst dort, wo Menschen, Institutionen und auch der Staat über längere Zeit als verlässlich erfahren werden.
Deshalb: Nicht Vertrauen ist der Anfang, sondern Verlässlichkeit. Vertrauen ist ihre Frucht. Wahrscheinlich ist das sogar die eigentliche Infrastruktur einer Demokratie.
Wenn wir von Infrastruktur sprechen, denken wir an Straßen, Brücken, Schulen, Schienen oder den Ausbau digitaler Netze. All das ist wichtig. Aber Demokratien besitzen noch eine zweite Infrastruktur, die in keinem Bundeshaushalt auftaucht und dennoch über ihr Gelingen entscheidet.
Es ist die Infrastruktur der Verlässlichkeit. Sie besteht aus Menschen, die Verantwortung übernehmen. Aus Institutionen, die verlässlich handeln. Aus Medien, die Orientierung geben. Und aus Gemeinschaften, die Gemeinsinn pflegen. Gerät diese Infrastruktur in einen schlechten Zustand, dann helfen auf Dauer auch neue Schultoiletten und eine schnellere ICE-Verbindung Augsburg-Ulm nicht mehr.
Dass wir die Frage nach der Krisenfestigkeit der Demokratie ausgerechnet in Augsburg stellen, passt gut zur Geschichte dieses Ortes. Diese Stadt hat wie kaum eine andere gelernt, mit Unterschieden zu leben. Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 hat die religiösen Konflikte seiner Zeit keineswegs beendet. Aber er war Ausdruck einer Einsicht, die bis heute erstaunlich modern geblieben ist: Frieden entsteht nicht dadurch, dass alle einer Meinung sind. Frieden entsteht dort, wo Menschen lernen, ihre Unterschiede auszuhalten, ohne einander die Legitimität abzusprechen.
Ist das nicht genau die Aufgabe, vor der Demokratien heute wieder stehen? Nicht Gleichförmigkeit herzustellen, sondern Zusammenhalt trotz Unterschiedlichkeit zu ermöglichen.

Die Deutschen - im Nörgeln vereint

Der Journalist Christian Zaschke hat in der Süddeutschen Zeitung kürzlich eine wunderbare deutsche Eigenheit beschrieben: das deutsche Nörgeln. Ein Volkssport, könnte man schreiben. Und Stoff dafür gäbe es reichlich. Wir könnten über Stuttgart 21, jetzt Stuttgart 31, sprechen. Über die Pünktlichkeit der Bahn. Über marode Schulgebäude. Über den schleppenden Glasfaser-Ausbau. Über überlastete Gerichte oder den Rückzug der medizinischen Versorgung aus vielen ländlichen Regionen.
Natürlich ist vieles davon berechtigte Kritik. Doch Zaschke interessiert etwas anderes. Nicht der Inhalt der Kritik, sondern ihr Klang. Er beobachtet, dass sich zum Ärger inzwischen Hoffnungslosigkeit, Resignation und Wut gesellt haben. Aus dem Satz: „Das müsste besser funktionieren.“ wird immer häufiger der Satz: „Das wird ohnehin nichts mehr.“ Und genau darin liegt für ihn die eigentliche Gefahr.
Nicht der Ärger über Missstände, sondern der schleichende Verlust des Vertrauens in die eigene Handlungsfähigkeit.
Der Gedanke, den Christian Zaschke beschreibt, lässt einen nicht mehr los. Denn Kritik hat eine Demokratie nicht nur auszuhalten – sie ist auf sie angewiesen. Eine Demokratie ohne Kritik wäre keine Demokratie mehr. Kritik ist Ausdruck von Anteilnahme; sie zeigt, dass Menschen ihr Gemeinwesen ernst nehmen und von ihm erwarten, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Gefährlich wird es erst dann, wenn Kritik in Resignation umschlägt, wenn aus dem Wunsch nach Verbesserung die Überzeugung wird, jede Anstrengung sei letztlich vergeblich.
So entsteht ein Gesamtbild. Und dieses Gesamtbild lautet: „Wir bekommen die Dinge nicht mehr richtig hin.“ Ob dieses Urteil immer gerecht ist, sei dahingestellt. Entscheidend ist etwas anderes: Der Satz „Wir bekommen die Dinge nicht mehr richtig hin.“ prägt die öffentliche Stimmung. Und Stimmungen sind in Demokratien 
niemals belanglos. Sie beeinflussen Erwartungen. Erwartungen beeinflussen Entscheidungen. Entscheidungen verändern schließlich die Wirklichkeit.
Mit anderen Worten: Wer dauerhaft erwartet, dass alles scheitert, trägt dazu bei, dass immer weniger gelingt. Deutschland war über viele Jahrzehnte ein Land, das sich durch seine Fähigkeit auszeichnete, Probleme pragmatisch zu lösen. Darauf waren wir stolz. Wir galten als zuverlässig, gründlich und technisch versiert. Gerade deshalb empfinden viele Menschen den Verlust dieser Selbstverständlichkeit heute als besonders schmerzhaft. Nicht weil andere Länder keine Schwierigkeiten hätten, sondern weil wir an uns selbst einen hohen Maßstab angelegt haben.

Pessimismus lähmt – und macht Scheitern wahrscheinlich

Eventuell erklärt sich daraus auch die Heftigkeit vieler Debatten. Die Sperrung einer Brücke ist dann eben nicht mehr nur eine Nachricht über maroden Beton. Sie wird zum Symbol für den Zustand unseres Landes. Ein verspäteter Zug steht plötzlich nicht mehr nur für organisatorische Probleme oder veraltete Schienennetze, sondern für die vermeintliche Handlungsunfähigkeit des Staates insgesamt.
Symbole sind mächtig. Sie verdichten Erfahrungen zu Geschichten. Und Geschichten prägen das Bild, das wir von uns selbst haben.
Nun gibt es ein Buch, das aus einer ganz anderen politischen Perspektive geschrieben wurde als der Beitrag von Christian Zaschke in der Süddeutschen Zeitung. Der durchaus konservative Autor Jan Fleischhauer, der erst für den „Spiegel“ und dann für „Focus“ schrieb und den man gewiss nicht demselben publizistischen Milieu zurechnen wird wie Christian Zaschke, kommt in seinem Buch „Du bist nicht allein“ zu einer Diagnose, die überrascht. 
Seine Sorge gilt weniger der Leistungsfähigkeit des Staates als der wachsenden Wahrnehmung vieler Bürger, Wahlen würden im Ergebnis kaum noch etwas verändern. Ob man diese Einschätzung teilt oder nicht, ist dabei zunächst zweitrangig. Bemerkenswert ist vielmehr, dass zwei Journalisten, die politisch so unterschiedlich argumentieren, letztlich dieselbe Grundfrage stellen.
Beide beschäftigt der Zustand unseres demokratischen Gemeinwesens. Beide sorgen sich um das schwindende Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit. Zaschke fragt: Trauen wir unserem Staat noch zu, Probleme zu lösen? Fleischhauer fragt: Vertrauen wir noch darauf, dass demokratische Entscheidungen überhaupt etwas verändern?

Wie krisenfest ist die Demokratie?

Demokratie lebt nicht allein davon, dass Institutionen funktionieren. Sie lebt ebenso davon, dass die Bürger davon überzeugt sind, mit ihrer Stimme, ihrem Engagement und ihrer Verantwortung tatsächlich etwas bewirken zu können. Denkbar, dass sich die Voraussetzungen einer lebendigen Demokratie deshalb auf drei einfache Sätze verdichten lassen: 
Eine Demokratie braucht Bürger, die ihrem Staat zutrauen, handlungsfähig zu sein.
Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die darauf vertrauen, dass ihr eigenes Engagement Wirkung entfaltet.
Und sie braucht Bürger, die überzeugt sind, dass Wahlen politische Wirklichkeit verändern können.
Gerät auch nur eine dieser drei Voraussetzungen ins Wanken, wird Demokratie mühsamer. Gehen alle drei verloren, wird sie verletzlich.
Doch wäre es zu einfach, dort die Verantwortung bei Staat und Politik enden zu lassen. Denn die öffentliche Stimmung entsteht längst nicht mehr allein im Parlament oder in den klassischen Medien. Sie entsteht auf unseren Smartphones, in teil-
weise sehr dunklen digitalen Räumen. In sozialen Netzwerken, die wir alle wie selbstverständlich nutzen. Auf den Plattformen der mächtigen Tech-Konzerne, die immer behaupten, wir wollten sie regulieren, dabei regulieren sie uns durch ihre Algorithmen. 
Unsere öffentliche Kommunikation hat sich tiefgreifend verändert. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine Klage über den Zustand der Medien. Jede Generation neigt dazu, die Medien ihrer Jugend für die besseren zu halten. Vermutlich war das schon so, als das gedruckte Buch allmählich die Handschrift verdrängte.
Und dennoch erleben wir gegenwärtig einen Wandel, der weit über technische Innovationen hinausgeht. Als ich vor vielen Jahren in den Journalismus einstieg, bestand die Herausforderung darin, Informationen zu beschaffen. Heute besteht sie häufig darin, aus einer nahezu unüberschaubaren Fülle von Informationen das Wesentliche herauszufiltern. Lange Zeit glaubten wir, Information sei das knappe Gut unserer Gesellschaft. Heute wissen wir: Information ist im Überfluss vorhanden.

Verantwortung in den Medien bedeutet auch immer, auf etwas zu antworten

Knapp geworden ist etwas anderes: Orientierung. Noch nie konnten sich Menschen so schnell informieren wie heute. Noch nie war Wissen so leicht zugänglich. Noch nie konnten Meinungen, Bilder und Nachrichten innerhalb weniger Sekunden um den Globus gehen. Das ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt, den wir nicht geringschätzen sollten.
Aber jede technische Revolution verändert nicht nur ihre Werkzeuge. Sie verändert auch das Verhalten der Menschen. Die digitale Öffentlichkeit folgt anderen Gesetzen als die Öffentlichkeit früherer Jahrzehnte. Ihre Währung heißt Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit belohnt nicht automatisch das Wichtige.
Was Menschen in ihren Newsfeeds angezeigt bekommen, folgt den Gesetzen der Plattformlogik: Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Plattform halten. Das gelingt mit emotionalen Inhalten besser als mit sachorientierten. Die Algorithmen belohnen daher das Überraschende, das Zuspitzende, das Empörende. Leider oft das Falsche, nämlich nachweisbar falsche Informationen. Der ruhige Kompromiss wird selten millionenfach geteilt. Die steile Behauptung dagegen oft innerhalb weniger Minuten oder Stunden. Das verändert nicht zwangsläufig die Wahrheit. Aber es verändert unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Früher erreichte uns die Nachricht von einer Krise, am nächsten Tag möglicherweise die nächste. Heute erleben wir alle Krisen gleichzeitig. Den Krieg in der Ukraine, den Nahen Osten, Migration, Inflation, Klimawandel, Cyberangriffe, wirtschaftliche Unsicherheit, politische Polarisierung. Und oft zugleich noch die ganz persönlichen Sorgen um Studium, Wohnraum, Familie, Beruf oder Gesundheit.
Alles erscheint auf demselben Bildschirm. Unser Gehirn aber unterscheidet nicht immer sauber zwischen dem, was uns unmittelbar betrifft, und dem, was tausende Kilometer entfernt geschieht. So entsteht leicht das Gefühl permanenter Überforderung. Und irgendwann verwandelt sich die Welt in den Augen vieler Menschen in einen einzigen Krisenraum.
Ich wünsche mir deshalb keine Rückkehr in eine vermeintlich bessere Medienwelt. Die hat es nie gegeben. Aber ich wünsche mir eine Rückkehr zu einer Tugend, die in Zeiten unbegrenzter Information wichtiger wird als je zuvor, ich nannte sie bereits: Orientierung. Ich glaube, das ist heute die eigentliche Aufgabe verantwortungsvoller Medien. Nicht die lauteste Stimme zu sein, sondern eine verlässliche Stimme. Nicht jede Empörung zu verstärken, sondern Zusammenhänge verständlich zu machen. Nicht den Menschen vorzuschreiben, was sie denken sollen, sondern ihnen zu helfen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Damit komme ich zu einem Punkt, der mich mindestens ebenso bewegt: Dem Zustand unserer Eliten. Ich meine damit ausdrücklich nicht nur Politikerinnen und Politiker. Sondern ebenso Unternehmer, Wissenschaftler, Intellektuelle und all jene, die wirtschaftlich oder gesellschaftlich besonderen Einfluss besitzen. Gerade von den Eliten erwarten wir, dass sie Verantwortung übernehmen.
Mich beschäftigt deshalb eine Entwicklung, die sich exemplarisch an Peter Thiel beobachten lässt. Der in Frankfurt am Main geborene amerikanische Unternehmer und Technologie-Investor Peter Thiel gehört ohne Zweifel zu den einflussreichsten US-Unternehmern. Als Mitgründer von PayPal, früher Investor bei Facebook und Mitbegründer von Palantir hat er die Entwicklung des Silicon Valley über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Sein Mut, früh in neue Technologien zu investieren, hat ihm weltweit Anerkennung verschafft.
Aber auch politisch hat er Einfluss genommen. Massiv sogar. Seine Unterstützung Donald Trumps und zahlreicher republikanischer Kandidaten hat dazu beigetragen, politische Entwicklungen in den Vereinigten Staaten mitzuprägen. Mich interessiert dabei weniger Peter Thiel als Person als die Haltung, für die er inzwischen steht. Seine Sympathien für radikal libertäre Gesellschaftsentwürfe und sein Interesse an politischen Experimenten wie derzeit in Argentinien unter Präsident Javier Milei werfen für mich eine grundsätzliche Frage auf: Was bedeutet es für eine Demokratie, wenn einige ihrer erfolgreichsten Unternehmer und Vordenker ihre Hoffnung immer weniger auf die Erneuerung des Gemeinwesens richten, sondern auf Alternativen außerhalb des Gemeinwesens? 
Und dieser so einflussreiche US-Unternehmer Peter Thiel hat nun angekündigt, die USA in Richtung Argentinien zu verlassen. Ohne das moralisieren zu wollen, aber: Eine Demokratie lebt sicher nicht davon, dass die Leistungsfähigsten nach dem besten Fluchtweg suchen. Sie lebt davon, dass sie ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft stellen.
Diese Frage hat bereits vor mehr als fünfzig Jahren der Ökonom und Sozialwissenschaftler Albert O. Hirschman, 1915 in Berlin geboren und 2012 in Princeton, New Jersey, verstorben, in seinem Buch „Exit, Voice and Loyalty“, auf Deutsch: „Abwanderung und Widerspruch“ gestellt. Hirschman beschreibt darin etwas zutiefst Menschliches. Wenn Menschen mit einem Unternehmen, einer Organisation oder auch einem Staat unzufrieden sind, haben sie grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Sie können gehen oder sie können versuchen, etwas zu verändern, also Exit oder Voice.

Mitverantwortung heißt: nicht weggehen, sondern bleiben

Was aber entscheidet darüber, ob Menschen bleiben und sich einmischen? Hirschmans Antwort lautet: Loyalty. Ich würde dieses Wort allerdings lieber mit Verbundenheit übersetzen als mit Loyalität. Denn Loyalität klingt im Deutschen schnell nach Gehorsam. Hirschman meint etwas anderes. Er meint die innere Bereitschaft zu sagen: „Diese Gemeinschaft geht mich etwas an.” „Für sie trage ich Mitverantwortung. Deshalb bleibe ich.”
Eigentlich beschreibt Hirschman damit ziemlich genau das, was eine Studentenverbindung seit Generationen einübt. Wer mit seiner Verbindung unzufrieden ist, verschwindet nicht einfach. Er diskutiert. Er widerspricht. Er übernimmt Verantwortung. Aber: Er bleibt. Möglicherweise ist genau das die eigentliche demokratische Tugend. Nicht Konflikte zu vermeiden. Sondern sich ihnen zu stellen, weil einem das Gemeinwesen nicht gleichgültig ist.
An dieser Stelle kommt ein Begriff ins Spiel, der in der katholischen Soziallehre seit vielen, vielen Jahren eine zentrale Rolle spielt und dennoch erstaunlich modern klingt: das Gemeinwohl. Manche halten dieses Wort für etwas aus der Zeit Gefallenes, dabei ist es hochaktuell. Denn Gemeinwohl ist keine abstrakte Größe. Es beginnt dort, wo Menschen ihre Freiheit mit Verantwortung verbinden. Wo sie sich nicht nur fragen: „Was nützt mir?”, sondern ebenso: „Was nützt uns?”
Denn Demokratie ist keine Dienstleistung. Der Staat ist kein Reparaturbetrieb, den wir anrufen, wenn etwas nicht funktioniert. Und Demokratie ist auch kein Streamingdienst, dessen Abonnement wir kündigen, sobald uns das Programm nicht mehr gefällt. Demokratie ist Beteiligung. Sie lebt davon, dass Menschen ihre Stimme erheben und das sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dass sie sich einmischen, und dass sie bleiben. Gerade dann, wenn sie Grund zur Kritik haben.
Wahrscheinlich ist genau das der Grund, warum Verbindungen wie die Ludovicia auch heute noch ihren Platz in unserer Gesellschaft haben. Nicht als Erinnerungsorte an vergangene Zeiten. Sondern als Orte, an denen etwas eingeübt wird, das Demokratien dringender brauchen denn je: Verlässlichkeit. Verbundenheit.
Und die Bereitschaft, Verantwortung nicht als Last, sondern als Privileg zu begreifen.
Lassen Sie mich mit einem letzten Gedanken schließen. Das Vertrauen gleicht dem Sauerstoff. Man bemerkt ihn meist erst dann, wenn er fehlt. Ich würde diesen Gedanken gerne ergänzen. Vertrauen fällt nicht vom Himmel, es wächst aus Verlässlichkeit. Verlässlichkeit entsteht aus Verantwortung.
Und Verantwortung beginnt immer bei Menschen. Nicht bei Institutionen. Nicht bei Algorithmen. Nicht bei Regierungen. Sondern bei Menschen. Denn Demokratie ist kein Zustand. Demokratie ist eine Entscheidung – jeden Tag aufs Neue.

Stefan Hilscher

ist 69 Jahre alt, war 45 Jahre lang als Journalist und Medienmanager bei der „Augsburger Allgemeinen“, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ und dem „Express“ (DuMont Köln), der „Berliner Zeitung“ und dem „Berliner Abendblatt“ (Berliner Verlag) und der Süddeutschen Zeitung (Geschäftsführung) tätig. Zudem ist er Mitgesellschafter der kleinen Tageszeitung „Die Harke“ in Nienburg/Weser (Niedersachsen). 
Obwohl seit 2022 im Ruhestand, ist er seit Mai 2023 ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Digitalpublischer und Zeitungsverleger (BDZV). 
In Augsburg, wo er lebt, hat er die Stefan Hilscher Consulting GmbH (www.stefanhilscher.de) gegründet sowie gemeinsam mit einem Partner die Pop-up-Galerie artREGION (www.artregion.de), die ausschließlich regionale Künstlerinnen und Künstler vertritt. 
Außerdem ist er Zweiter Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Deutschen Studienzentrums in Venedig e.V. (www.venedig-freunde-dszv.de), er engagiert sich im Vorstand der Gesellschaft für Gegenwartskunst Augsburg (www.gfg-augsburg.de) und ist Vorsitzender des Hilfswerkes des Lions Clubs Augsburg Raetia (https://lions-augsburg-raetia.de/). 
Last but not least: In der Hermann-Messerschmidt-Kulturerbe-Stiftung (https://www.hermann-messerschmidt-kulturerbe-stiftung.de) ist er Stiftungsratsvorsitzender. Die Stiftung baut das einstige Fuggerschloss in Mickhausen im Landkreis Augsburg wieder auf.