Unbequeme Wahrheiten aus dem Hochschulalltag
Mit persönlichen Erfahrungen, feiner Ironie und deutlichen Worten wirbt Zümrüt Gülbay-Peischard für mehr Leistungsbereitschaft, Anstand und Eigenverantwortung
Der fremdländische Name der Autorin und der provokante Titel sorgen bei diesem Buch gleich für Aufsehen. Das ist Fakt und zugleich gutes Marketing. Mit zwei Jahren kam die Tochter türkischer Gastarbeiter nach Berlin, legte ein glänzendes Abitur ab und studierte BWL und Jura. Als jüngste Jura-Professorin fand die heute 56jährige Rechtsanwältin und Dozentin an verschiedenen Hochschulen ihren jetzigen Job. Seit 1998 ist sie für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg (Saale) zuständig.
In ihrem Buch nimmt sie die Studenten ins Visier und wirft ihnen vor, unmotiviert, faul unvorbereitet den Lehrbetrieb geradezu zu lähmen, statt von den Segnungen eines hoch subventionierten Universitätsangebots zu zehren und sich von hier in Spitzenpositionen hochzuarbeiten. Die Einlassungen der Hochschullehrerin leben von ihren eigenen Erfahrungen, in denen sie die Themen „Frauen“ und „Ausländer“ keineswegs ausspart.
Selbstbewusstsein statt Opferrolle
Sie hat am eigenen Leib Diskriminierungen erlebt, plädiert aber für gesundes Selbstbewusstsein, das auch ohne Koketterie und Mitleidsheische zu einem guten Ziel führen kann. Natürlich setzt sie sich immer mal wieder der Kritik aus, sie verallgemeinere, und das sei ungerecht. Der betroffene Leser, ob Student bzw. Studentin oder arrivierter Akademiker, kann dabei schon zum Nachdenken kommen, ob er die Chancen seines studentischen Daseins wirklich gut genutzt hat, oder ob nicht auch bei ihm so manche Literaturempfehlung der Lehrenden ungehört verhallte.
Die Autorin appelliert mit ihren Alltagsbeispielen an die Leistungsbereitschaft aller Studierenden. Sie erinnert dabei mehrfach an die Verpflichtung der Lernenden, ihren Beitrag zum Solidarsystem zu leisten. Was lässt sich der Staat die Ausbildung seiner Bürger nicht alles kosten! Und da markiert die Autorin die Verpflichtung zu „verantwortungsvollem Studium mit einem wenigstens ausreichenden Arbeitseinsatz“ (S. 48) auf der Seite der Begünstigten. Studieren aus Solidarität gegenüber den Mitbürgern: Eine für viele sicher interessante Sicht auf die Dinge, die viel, sehr viel Geld in unserem Staat verschlingen. Bei schlechten Bewertungen wird der Grund selten im eigenen Versäumnis oder Fehlverhalten der Studenten gesehen. Stattdessen werden Professoren mit Entschuldigungen oder in Begleitung eines Anwalts angegangen.
Gülbay-Peischard hat für sich entschieden, nicht Everybody’s Darling sein zu wollen. Wenn sie Studenten unzureichende Notenergebnisse erklären muss, versucht sie gerne, die Chance zu neuer Energie zu unterstreichen und zur Lernintensivierung zu ermutigen. Die feine Ironie, die ihr zu eigen ist, wird nicht von allen verstanden, und manchmal enden die Bemühungen der Professorin leider auch tragisch, wenn auch aus ihrer Sicht vorhersehbar. Einer Studentin musste sie eines Tages sagen: „Ich bewerte nicht Sie, nicht Ihre Lebensumstände und nicht Ihre Person. Sie sind auch keine Reflexionsebene meiner Bedürfnisse nach Zuneigung oder Anerkennung. Eine Note als eigene Leistung zu akzeptieren ohne Angriff auf die Person, die bewertet hat, sollten Sie als Erwachsene hinbekommen…“ (S. 52)
Treffliche Begriffe wie „Lernbulimie“ (S. 57f.) helfen der Autorin zu illustrieren, was sie in ihrem Berufsalltag beobachten muss. Wer fühlte sich da nicht an die eigenen Studienerfahrungen und die Tage vor Prüfungen erinnert! Besonders nachdenklich stimmt den Leser der Abschnitt „Die Rechtschreibung ist ein Trümmerfeld“ (s. 67f.), und da geht es um weitaus mehr als nur um Groß- und Kleinschreibung und einzelne Satzzeichen. Die Autorin scheut sich auch nicht, die Bedeutung der Höflichkeit und des Anstands auf dem Weg vom Studium zur Chefetage anzumahnen und bringt konkrete Beispiele (S. 94.) Zugleich stellt sie Defizite in der Erziehung fest, die sich bis in Studium und Beruf auswirken können.
Die Autorin macht uns in diesem Zusammenhang mit dem aus Dänemark stammenden Begriff der „Curling-Eltern“ vertraut. (S. 137f.) Demnach neigen die heutigen Eltern zu sehr dazu, jedes Hindernis und jede ernste Herausforderung für ihre Kinder wie mit einem Besen beim Eisschießen so wegzufegen, dass der Eisstock möglichst nah zum Ziel gelangt. Gülbay-Peischards Resumee: „Vor dem Erfolg steht die Arbeit, und auch das ist etwas, was Eltern ihren Kindern beibringen sollten, bevor sie sich von ihnen akademische und andere Karrieren erhoffen.“ (S. 164)
Erfolg setzt harte Arbeit voraus
Mag sich der Leser auch gegen eine solche „Einmischung“ wehren, sie hat – bei Licht besehen – vieles für sich. Insofern greift die Autorin zurecht auf Erfahrungen aus dem Kindergarten und der Schule zurück. Die letzten PISA-Studien attestieren Deutschland, dass da bereits erhebliche Defizite zu beklagen sind, die später an der Universität „für eine Nivellierung von Ansprüchen und Leistungen“ mit verantwortlich zu machen sind. Eine ganze Reihe von Verbesserungsvorschlägen fehlt in diesem Buch nicht. „Ich bleibe dabei, dass es ohne strukturelle Änderungen, die nicht immer Geld kosten, nicht gehen wird. Im Moment bilden wir nicht genug junge Menschen so aus, dass sie als Führungskräfte unsere Zukunft sichern.“ (S. 230)
Das manchmal im amüsanten Plauderton daherkommende, flüssig geschriebene Buch von Gülbay-Peischard ist im Endeffekt einem ernsten Thema gewidmet, das Akademiker und solche, die es werden wollen, zumal in einem Akademikerverband wie dem KV, zu anregenden Gesprächen dienen kann. Vielleicht ergeben sich daraus auch konkrete Forderungen an unser Bildungssystem und an einen jeden von uns, ob er nun in Forschung und Lehre oder als Student betroffen ist. Bei der Liebe zur deutschen Sprache, die ich mit der Autorin teile, mag sie die Kritik bedenken, dass viele ihrer Anglizismen vermeidbar sind: „Smartphone-Detox“ könnte dann schlicht „Smartphone-Abschaltung“ heißen; „Meeting“ – „Treffen“; „Multitasking is overrated“ – „Keiner muss überall zuständig und tätig sein“; „Background“ – „Hintergrund“; „Bashing“ – „Verächtlichmachung“; „Nine-to-five-Job“ – „Vollzeitarbeitsplatz“; „Coaching“ – „Ausbildung“; „Framing“ – „Zuordnung, Umschreibung“; „Soft Skills“ – „weiche Kompetenzen, persönliche und soziale Fähigkeiten im Gegensatz zu meßbarem Fachwissen und Zeugnissen“. Gülbay-Peischard verspricht zwar an einer Stelle, dass es nur „wenige Versuche bleiben, bei dem ich mich der jüngeren Sprache bediene“ (S. 87), aber da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Gleichwohl war die Lektüre ein wahres Vergnügen, und erhellend dazu.
P. Robert Jauch OFM (Arm, Rh-I, Rh-F, Ta, E d Gro-Lu, E D Gm)
