"Vom Hoffen auf und Spähen nach Füchsen”

Dr. Wolfgang Löhr

In der Sprache der meisten Studentenkorporationen heißt noch immer der Neuling „Fuchs”. Wie es dazu kam, ist nicht ganz geklärt. Zudem wird unterschiedlich gedeutet, was es mit der Schreibweise „Fux” auf sich hat, und obendrein steht noch abschließend aus, wann sich der „Spefuchs” zu einem „Spähfuchs” verwandelte.

Der Fuchs („Vulpes vulpes“) ist in der Biologie ein Raubtier aus der Familie der Hunde. Das Wort lässt sich schon im Althochdeutschen nachweisen. Es findet sich im sogenannten „Abrogans-Glossar“, dem ersten zusammenhängenden Lexikon der deutschen Sprache, das um 765/775 entstanden ist. Sprachgeschichtlich steht es im Zusammenhang mit „haarig“, was mutmaßlich auf den buschigen Schwanz der Spezies anspielt. 

Wie der Fuchs zu seinem Namen kam

In den 1566 im Druck erschienenen Predigten über Martin Luthers Leben, die Johann Mathesius (1505-1565) gehalten hat, erfährt man, dass mit „Fuchs“ („Voss“) neben anderen pejorativen Ausdrücken unerfahrene evangelische Pastoren verunglimpft wurden. Aber das Lexem wurde damals nicht nur abwertend gebraucht. Völlig neutral bezeichnen die „Consuetudines“ der Universität Jena von 1561 einen Neuling innerhalb der Studentenschaft als „Fuchs“. Somit hatte das Wort spätestens zu diesem Zeitpunkt Einzug in die Hochschulsprache genommen. Dann taucht im frühen 17. Jahrhundert eine verwandte Bezeichnung auf: „Schulfuchs“. Ein pedantischer Schulmann wurde auf diese Weise ironisch gekennzeichnet. Nach den Lexikographen Johann Stieler (1610-1690) und Johann Christoph Kramer (†1724) kann es auch die Bezeichnung für einen „unerfahrenen Schüler“ sein. In dieser Form ging es in die Studentensprache über. 
Das Wörterbuch des Dresdner Hofbibliothekars Johann Christoph Adelung (1732-1806) aus dem Jahr 1786 hingegen kennt den Gebrauch der Vokabel „Schulfuchs“ lediglich, um einen kleinlichen Lehrer zu karikieren. Deshalb wurde der etymologische Zusammenhang von „Schulfuchs“ und „Fuchs“ zu Unrecht bestritten. Dass Adelung eine weitere Bedeutung nicht angibt, muss nicht auf jeden Fall besagen, es hat sie nicht gegeben.

Nicht jeder Fuchs hat ein rotes Fell

Ein einprägsames literarisches Beispiel für den studentischen, noch nicht trinkfesten Fuchs findet sich in dem Roman des Mediziners und Barockautors Johann Christoph Ettner (1654-1724) mit dem Titel „Des getreuen Eckharts unwürdiger Doctor“. Das Buch erschien 1697 im Druck.
Darin liest man:
Auf ihr Brüder lasst uns schlingen
und den Most und Wein bezwingen,
weil die Gurgel offensteht,
lasst uns unseren Magen laben,
bis wir keinen Saft mehr haben, 
ein Fuchs, wer von hinnen zieht.

Nota bene: Der Roman versteht sich als eine Satire, und das Saufen sollte damit nicht empfohlen werden. 

Die Diktion „Fuchs“ konnte wie schon im 16. Jahrhundert für evangelische Pastoren hundert Jahre später für junge Studenten ebenfalls erniedrigend gemeint sein. So erfahren wir aus einem Edikt der Universität Jena vom 2. Juli 1661 gegen den „Pennalismus“ (= erniedrigende Rituale innerhalb der Studentenschaft), dass „Neuankommende“ „Füchse“ hießen, die mit den „Eseln“ auf einer Stufe standen. Auch der Umgang mit ihnen konnte herabwürdigend sein. Darauf weist Eberhard Werner Happel (1647-1690) hin, der in seinem im Jahr seines Todes veröffentlichten „Akademischen Roman“ von den alten Studiosi, die den jungen Fuchs gar leicht über den Tisch bringen (=ziehen), spricht. 
Die Verachtung hielt an: In einem studentischen Stammbuch, das heute im Institut für Hochschulkunde in Würzburg aufbewahrt wird und um 1770 entstanden ist, kennt der Spott über die Neulinge keine Grenzen. Dort steht (Schreibweise rektifiziert):
Das sind lauter Füchse. Man hat Euch schon von weitem gerochen. Ich glaub, die Kerl haben vor Angst die Hosen voll.

Für die Klassik und Romantik gibt es keinen Beleg für den Fuchs in der Bedeutung Neuling an der Universität oder innerhalb einer Studentenkorporation. Doch Goethe kannte wenigstens in Faust I („Auerbachs Keller“) „Bursch“ im Sinn von Student.
Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts übernehmen die Korporationen den Begriff „Fuchs“, um damit den „Neuzugang“ zu bezeichnen, allerdings ohne die „Novizen“ damit herabwürdigen zu wollen. Die Bezeichnung wird metaphorisch verstanden: Wie der junge Fuchs in der Natur ein graues und der erwachsene ein rotes Fell trägt, so erhält der Neuling in farbentragenden Korporationen ein Band, das noch nicht alle Farben der Verbindung aufweist im Gegensatz zu den Burschen, die in voller „Couleur“ erscheinen. Das ist eine deutliche Differenzierung, die der in den Statuten der Verbindungen entspricht, wonach die Füchse nicht oder ohne Stimmrecht am Burschenkonvent teilnehmen dürfen.

Vom Rotpelz zum Fuchsmajor

Seit wann der Begriff „Fuchs“ bei den KV-Vereinen belegt ist, bedarf noch einer genaueren Untersuchung. Sein Erscheinen hängt mit der „Korporationierung“ der Vereine des Verbands zusammen, womit die schrittweise Übernahme eines Teils der Bräuche der Corps und Burschenschaften gemeint ist, die vor dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreicht hatte. Aber bereits von Anfang an versah bei der Bonner „Arminia“ bei ihrer Entstehung 1863 im Gegensatz zu der späteren Askania-Berlin und der Unitas-Breslau, die zuvor als Lesevereine = Bildungsvereine begonnen hatten, sofort eines der Gründungsmitglieder das Amt des „Fuchsmajors“. Das geht aus dem ersten als Druck vorliegenden Mitgliederverzeichnis von 1900 hervor. Schon vor diesem Jahr gibt es das erste Bild eines „Fuchsmajors“ bei der „Arminia“. Es zeigt Konrad Adenauer als Consenior im Wintersemester 1896/97 und neben anderen Vorstandsmitgliedern einen Peitsche schwingenden „Fuchsmajor“. Ein solches Augenzwinkern kann man ebenfalls in der Festschrift von 1912 der Berliner „Askania“ feststellen. Darin heißt es: Unsere Füchse – wie man die neuen Herren scherzhaft nennt – machten ihre Sache gut. Die Verwendung der Bezeichnung „Fuchs“ im KV ist genau genommen eine Kuriosität, da er als nichtfarbentragender Verband keine visuelle Unterscheidung gegenüber dem „Burschen“ vornimmt. 
Die Schreibweise „Fux“ statt „Fuchs“, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts 
vorkommt, ist lediglich eine orthographische Variante. Sie auf lateinisch „faex“ = „Hefe, Abschaum, Auswurf“ zurückzuführen, ist ein satirischer Einfall, der eine gelehrte Herkunft suggeriert und bewusst auf einer falschen Etymologie beruht. Nennen wir es Korporationshumor. Auf weitere mit „Fuchs“ zusammenhängende Ableitungen in der Korporationssprache soll jetzt nicht ausführlicher eingegangen werden. 

Der Fuchsenstall hat graue Haare

Nur so viel: Der „Fuchsenstall“ hat nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Korporationen Einzug gehalten, wie bisher vermutet wird. In den 1933 begonnenen unveröffentlichten, vor 1945 abgeschlossenen und jetzt vermutlich verschollenen Memoiren des ehemaligen Reichskanzlers Kb Wilhelm Marx (1863-1946), der 1881 bei „Arminia“ aktiv geworden war, wird bereits davon gesprochen. Und auch das noch: Ein weiteres noch offenes Kapitel bildet die Latinisierung des „Fuchsenstalls“ in „Fuchsia“. Damit ist in der Pflanzenkunde ein Nachtkerzengewächs gemeint, auf Deutsch die Fuchsie. Korporationshumor?
Der „Spefuchs“, ein Terminus, der sich von lateinisch „spes“ = Hoffnung ableitet, kommt nach dem Studentenwörterbuch von Friedhelm Golücke (5. Auflage, Band 4, 2018) bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal vor. Es 
bedeutete einerseits einen Schüler, der hofft, in eine Korporation aufgenommen zu werden und andererseits einen Abiturienten, den eine Korporation für sich zu gewinnen hofft.

Spe- oder Spähfuchs: Ein Begriff, zwei Deutungen

Die Abwandlung „Spähfuchs“ ist ironisch zu verstehen. Der Sprachverwender tut so, als wisse er über die Ableitung aus dem Lateinischen keinen Bescheid. Also ebenfalls Korporationshumor, bei dem zusätzlich mit der Benutzung des Worts „Spähen“, was bedeutet, scharf und forschend ausblicken, gespielt wird. Das Grimm´sche Wörterbuch (Band 9, 1889/1893) zitiert dazu aus einer älteren, nicht genau zu bestimmenden Erzählquelle. Dort heißt es:

Vier hohe Warten haben sie erbaut, die Stadt zu überragen, oben späht Graf Salsburg mit mordbegiergem Blick. 

Mörderisch spähen die Korporationen zwar nicht aus, aber ihr Tun setzt in unseren Tagen ein gewaltiges Bemühen voraus. Dass jemand hofft, in eine Korporation aufgenommen zu werden, was ja ursprünglich auch mit dem Begriff gemeint sein konnte, ist inzwischen wohl weitgehend Vergangenheit.
Die Verwandlung des Ausdrucks „Spefuchs“ zu „Spähfuchs“ ist erst spät belegt: In biographischen Aufzeichnungen des SPD-Reichstagsabgeordneten, Journalisten, Naturheilkundigen und wahrscheinlich illegitimen Sohn Kaiser Wilhelms I. Louis Viereck (1851-1922), die 1921 in New York erschienen sind, erzählt der Verfasser von einem Klassenkameraden aus Kassel, der mit ihm 1869 zum Studium nach Göttingen aufbrach. Er nennt ihn mit leichter Ironie und nicht, weil er keine Lateinkenntnisse besaß, einen „Spähfuchs“. Der Schulfreund trat nämlich keiner Korporation bei und spähte nur, d. h. er musterte sie lediglich kritisch, während Viereck Mitglied des Corps Teutonia wurde. Vermutlich gibt es noch andere, möglicherweise frühere Beispiele für diese manipulative Verdrehung. Die Sache ist folglich noch offen. Auf jeden Fall sei empfohlen, „Spefuchs“ zu schreiben, wenn man hofft, dass der eine oder andere Bewohner eines Korporationshauses sich entschließt beizutreten, denn man will über ihn ja keineswegs spötteln, wie es Louis Viereck tat. Dass man dabei nachhaltig späht, also scharfe Ausschau hält, tut dem keinen Abbruch.

Ein Fuchs muss nicht im Wald leben

Ein Außenstehender versteht nicht, wenn Korporationsstudenten von einem „Fuchs“ sprechen, dass sie damit einen Neuling meinen, denn ihre Sprache setzt sich von der der Allgemeinheit ab, um ihre Identität und  Exklusivität zu betonen. Dabei greift sie hier und da zu Humor und Ironie, wie dargelegt. Auch andere Gruppensprachen tun das. So spricht man auf dem Bau von „Baubesprechung“ und meint „Kaffeepause“. Es ist ein Vorurteil zu meinen, die Korporationen seien stocksteif. Dem widersprichen gelegentlich ihre Sondersprache und öfters ihre Rituale. 
Es sei nur an das schon seit dem 19. Jahrhundert bekannte „Inofficium“ einer Kneipe erinnert, die „Bierzeitung“ oder an die „Biernamen“, „vg.“ = lateinisch „vulgo“ abgekürzt.