Ein Leben im Übergang

Thomas Kettel (Nm)

Der Herbst ist eine Zeit des Übergangs. Die heißen Tage des Sommers liegen hinter uns, doch der Winter ist noch nicht da. Die Natur scheint selbst zwischen verschiedenen Zeiten zu stehen. Auf den Feldern ist die Ernte eingebracht, und zugleich werden sie zunehmend karg und leer. Die Blätter fallen von den Bäumen und erinnern daran, dass etwas zu Ende geht. Und doch leuchten sie zuvor noch einmal in einer beeindruckenden Farbenpracht auf.

Auch im kirchlichen Leben begegnen uns in diesen Wochen verschiedene Seiten des Lebens, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Wir feiern Erntedank und danken für die Gaben der Schöpfung. Wir feiern voll Freude Allerheiligen und begehen am nächsten Tag Allerseelen im Gedenken an die Verstorbenen. Schließlich erinnert uns der heilige Martin an die dunkle und oft schon kalte Novemberzeit.
Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Wahrheit des christlichen Glaubens: Unser Leben lässt sich nicht immer eindeutig einordnen. Es ist geprägt von Übergängen, von Gegensätzen und von verschiedenen Erfahrungen, die nebeneinanderstehen.

Auch unser Christsein ist eine Existenz im Übergang. Wir leben in dieser Welt und wissen zugleich, dass diese Welt nicht unsere letzte Heimat ist. Über allem steht die Verheißung Gottes, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten wird. Das Zentrum unseres Lebens ist dabei Jesus Christus selbst. Sein Tod am Kreuz scheint zunächst das endgültige Scheitern zu sein. Doch gerade durch seinen Tod hindurch führt der Weg zum Leben. In der Auferstehung zeigt Gott, dass das Leben stärker ist als der Tod. Deshalb leben wir als Christen auf den Tod hin und zugleich auf das Leben zu. 

Gleichzeitig ist unser Glaubensleben immer wieder geprägt von Widersprüchlichkeiten. Unsere Botschaft ist die Botschaft des Lebens. Gott hat uns das Leben geschenkt und Christus hat es in seiner Auferstehung erneuert. Der Heilige Geist lebt in uns und schenkt uns immer neu die Hoffnung. Doch oft sieht die Realität in unseren Gemeinden anders aus. Wie oft schauen wir in leere Bänke und gelangweilte Gesichter? Wir feiern das Leben mit Friedhofsgesicht, wir reden von Hoffnung und haben uns doch innerlich schon aufgegeben.

Wie der Herbst ist schließlich unser Glaube ein spannungsvolles Nebeneinander. Wir sind nicht von der Welt, aber wir leben in dieser Welt. Deshalb lässt sich der christliche Glaube auch nicht auf einen Aspekt verengen. Er ist fundamental auf das ewige Leben und die Beziehung zu Gott ausgerichtet und bleibt zugleich zutiefst mit dem Leben in dieser Welt verbunden. So kann der Glaube niemals ohne Bedeutung für das konkrete Leben der Menschen und für die Gesellschaft bleiben. Die christliche Botschaft erschöpft sich dabei ebenso wenig in einer Soziallehre wie in einer rein geistlichen Vertröstung auf das Jenseits. Vielmehr gehört beides untrennbar zusammen: Die Hoffnung auf Gottes Erlösung prägt den Blick auf die Wirklichkeit und fordert zugleich dazu her-aus, diese Wirklichkeit im Licht des Evangeliums wahrzunehmen und mitzugestalten. Daher muss die Kirche auch zu den Missständen und Ungerechtigkeiten unserer Zeit Stellung beziehen und dort ihre Stimme erheben, wo die Würde des Menschen verletzt wird. Dabei darf sie jedoch ihre eigentliche Botschaft nicht aus dem Blick verlieren. So wie die Realität des leiblichen Todes im christlichen Glauben nicht verdrängt, sondern im Licht der Auferstehung verstanden wird, so dürfen auch die Probleme und Herausforderungen dieser Welt nicht verschwiegen werden. Die Kirche ist vielmehr dazu gerufen, die Wirklichkeit ehrlich anzuschauen, sie aus dem Evangelium heraus zu deuten und Wege aufzuzeigen, wie ein menschliches und der Botschaft Jesu entsprechendes Miteinander gelingen kann. Das ist keine leichte Aufgabe. Sie erfordert Einsatz, Hingabe und Mut. 

Gerade in den Übergängen und Herausforderungen unseres Lebens kann uns dieserGlaube tragen. Wenn etwas endet und wir noch nicht wissen, was kommt. Wenn Freude und Trauer dicht beieinanderliegen. Wenn wir Veränderungen erleben, die wir uns nicht ausgesucht haben. Wenn wir uns fragen, welchen Weg wir gehen sollen.
Der Herbst kann uns daran erinnern, dass Ende und Anfang oft näher beieinanderliegen, als wir denken, denn in allen Umbrüchen bleibt einer derselbe: Gott. Er ist der Treue, er ist der, der bleibt, wenn anderes vergeht. Er schenkt uns die Erkenntnis, wenn wir Orientierung suchen, und die Kraft, wenn unser eigener Mut nicht ausreicht.

Darauf dürfen wir vertrauen: Unser Leben steht nicht zwischen einem sinnlosen Anfang und einem endgültigen Ende. Es steht in den Händen dessen, der selbst den Tod überwunden hat. Und so dürfen wir mitten in allen Widersprüchen unseres Lebens hoffnungsvoll leben – zwischen Leben und Tod, zwischen Abschied und Neubeginn, getragen von der Gewissheit, dass Gottes Treue größer ist als alles, was uns begegnen kann.

Thomas Kettel (Nm)

Kb Thomas Kettel 1994 in Mainz geboren, wurde beim K.St.V. Normannia-Greifswald aktiv, studierte nach dem Bachelor in Politikwissenschaft katholische Theologie und wurde 2025 zum Priester geweiht. Zurzeit arbeitet er als Kaplan in Bad Vilbel.