Sino-Germania zu Peking et Shanghai
Philipp ten Doornkaat (Wk)
Als ich vor Kurzem nach China aufbrach, um dort meinen PhD im Bereich der Bioinformatik zu beginnen, hatte ich zuvor noch nie einen Fuß nach Asien gesetzt, geschweige denn nach China. Neben den bekannten weltweit führenden chinesischen Universitäten gibt es dort auch eine Reihe oft übersehener internationaler Hochschulen. So absolviere ich meinen PhD an der University of Liverpool, auf einem Campus der Xi'an Jiaotong-Liverpool University (XJTLU), einer chinesisch-britischen Partneruniversität.
Gleich nebenan liegt ein Campus der französischen Business School Skema. Der Vorteil solcher Universitäten liegt auf der Hand. Man sammelt Erfahrungen in China, trifft dabei aber auf deutlich mehr europäische Mitarbeiter, Professoren und Studenten. Denn bei über 1,4 Milliarden Einwohnern leben in China knapp eine Million Ausländer, was das Leben hier eben auch ganz anders verlaufen lässt.
Von Schlechtem hört man dabei kaum etwas, weder von Ausländern in China selbst noch von denen, die längst wieder zurück sind. Im Gegenteil, die meisten waren positiv überrascht, so auch ich nach meinen ersten Wochen. Günstiges, ausgezeichnetes Essen, ausgesprochen herzliche Begegnungen mit Einheimischen, pünktliche Züge – China hat einiges zu bieten. Positiv überrascht heißt aber nicht automatisch einfach. Gerade die ersten Schritte fallen schwer in einem Land, in dem nur wenige Englisch sprechen und digitale Souveränität konsequent durchgesetzt wird. Kreditkarte und WhatsApp weichen Alipay und WeChat, und anfangs stellt sich ein Gefühl der Hilflosigkeit ein. Umso größer das Glück, dass es die Akademische Ferialverbindung Sino-Germania zu Peking et Shanghai gibt, die nicht nur das Verbindungsleben nach China trägt, sondern auch für jeden Neuankömmling zu einer echten Stütze wird. Ich freue mich auf die kommenden Jahre in diesem beeindruckenden, aufstrebenden Land und auf den einen oder anderen kartellbrüderlichen Austausch hier vor Ort.
Die Geschichte der Akademischen Ferialverbindung Sino-Germania zu Peking et Shanghai
Sino-Germanias Geschichte beginnt, ein wenig überraschend, in Deutschland. Beim Heimat- und Stiftungsfestbesuch des damals in China lebenden Johannes Böckh (Lu) im Sommer 2014 machte ihn ein Alter Herr auf einen bekannten Kartellbruder in China aufmerksam, Georg „Schorsch“ Hofaecker (Pal, Eck, Wh, Smn, Agg), der sich sicher über kartellbrüderlichen Kontakt freuen würde. Zurück in China bemühte man die Wunder der Technik (Xing), nahm Kontakt auf und verabredete sich zum regelmäßigen Stammtisch der Deutschen Außenhandelskammer am 15. Dezember 2014.
Zufällig gesellten sich dazu noch ein Burschenschafter und ein Corpsstudent, die an diesem Tag ebenfalls in Peking weilten. Die Freude, endlich wieder unter Gleichgesinnten zu sein, war so groß, dass sich der erste Stammtisch über ganze 72 Stunden zog – wohlgemerkt unter der Woche.
Noch am selben Abend fiel der Entschluss, künftig regelmäßig einen Stammtisch in Peking zu organisieren. Mit Unterstützung von Florian-Frederik Deutgen (Eck) und Sören Hörnicke (VDSt Aachen-Breslau II) wurde daraus rasch Realität: Bereits kurz nach dem chinesischen Neujahr 2015 fand der nächste Stammtisch statt, zunächst als Ortszirkel der katholischen Studentenverbindungen. Dank guter Vernetzung unter den Couleurstudenten, Aktiven, die vor allem über Doppel-Master-Programme aus Aachen nach Peking kamen, sowie treuen nicht-couleurstudentischen Gästen wuchs der Stammtisch rasch zu beachtlicher Größe heran.
Seinen vorläufigen Höhepunkt fand dies am 11. September 2015 in der feierlichen Gründungskneipe des „Ortszirkels Sino-Germania zu Peking und Shanghai im KV und CV“ im Brauhaus „3 Kronen“ in Peking, mit drei eigens eingeflogenen Chargen der K.St.V. Palatia Heidelberg, K.St.V. Eckart Mannheim et Ludwigshafen und des K.St.V. Askania-Burgundia Berlin sowie knapp 40 Besuchern.
Auf das rauschende Fest folgte prompt die Arbeit: Die Farben wurden festgelegt, über gute Kontakte zu Schneidern im Umfeld der Tsinghua-Universität die ersten Schärpen und später auch Pekeschen in Auftrag gegeben, eine Farbenstrophe gedichtet und noch vieles mehr. Als sich zunehmend auch nichtkatholische Couleurstudenten für die Runde interessierten und der Waffenstammtisch in Peking erlosch, öffnete man den Ortszirkel als „Akademische Ferialverbindung“ für alle Couleur und machte sich an den Aufbau eines eigenständigen Verbindungslebens. Im Dezember 2015 wurde mit der Weihnachtskneipe die erste eigene Kneipe der Sino-Germania geschlagen. In den folgenden Jahren nahm das Aktivenleben spürbar Fahrt auf. Die Sino-Germania wuchs beständig, und mancher Student fand über sie seinen Weg ins Verbindungsleben, den er später in Deutschland fortsetzte. Jedes Jahr wurde Stiftungsfest gefeiert, stets mit Chargen aus Deutschland zu Gast. Dazwischen fanden regelmäßig Stammtische und Kneipen statt. Besonders in Erinnerung geblieben sind etwa die „Mauerkneipe“ 2016 am Fuß der Chinesischen Mauer oder die Krambambulikneipe 2018 in Shanghai.
Das erste „Deutschlandtreffen“ der Sino-Germania folgte dann im Jahre 2017 in Aachen auf dem Haus der Burschenschaft Teutonia. Seitdem kommen alle Heimgekehrten mindestens einmal im Jahr auf den Häusern der Ur-Bünde der jeweiligen Mitglieder zusammen.
Eine Zäsur brachte die Coronapandemie. Zunächst ließen sich noch weitere Stammtische organisieren, doch geschlossene Grenzen, heimkehrende Bundesbrüder und -schwestern sowie immer strengere Coronamaßnahmen brachten das Couleurleben in China schließlich jäh zum Erliegen. Während in Deutschland bereits im Frühjahr 2022 das erste Treffen wieder stattfand, wurden die Lockdownmaßnahmen in China zu dieser Zeit noch drastischer. Erst im Dezember 2022 fielen sie von einem Tag auf den anderen. Schon im Februar 2023 fand in Peking der erste Sino-Germanen-Stammtisch nach der Pause statt, und dank der unermüdlichen Arbeit der in China gebliebenen Bundesbrüder herrscht seither wieder rege Aktivität – regelmäßig werden Kneipen geschlagen.
Heute zählt die A.FV. Sino-Germania zu Peking et Shanghai 70 Bundesbrüder und -schwestern, die diese einzigartige Verbindung über zwei Kontinente hinweg lebendig halten.

