Nicht immer kann man die Feste so feiern, wie sie fallen
Vorlauf – Vorsicht – Vorbild
Jubiläen bieten Anlass, an Haltungen, Fähigkeiten oder Qualitäten zu erinnern, die vorbildlich, richtungsweisend, außer-ordentlich sind. Ein mit Vorsicht wie Rückbesinnung verbundenes Gedenken braucht Vorbereitung und Hinführung auf das Ziel, das am Schluss mit einer besonderen Feierlichkeit verbunden werden soll.
Früh geplant ist halb begonnen
Mit großem zeitlichen Vorlauf beginnen in Aachen bei dem 1871 gegründeten Studentenverein Carolingia die Überlegungen zur Durchführung eines besonderen Festes. Im Protokoll zum Philister-Convent wird im Sommersemester 2017 der Rahmen der Feierlichkeiten abgesteckt: „Keine Schulden machen und mit den angesparten Beiträgen auskommen“. Auch eine „Carolingenchronik“ soll - „mit privaten Mitteln“ aufbereitet - die Geschichte des Vereins dokumentieren und „der Aktivitas für entsprechende Verwendung und Vermarktung zur Verfügung gestellt werden.“
Ein Jahr später liest man im Protokoll vom Juni 2018: „Der „Festverantwortliche“ steht - aus beruflichen Gründen! - nicht mehr zur Verfügung, die Reservierung von Örtlichkeiten hat höchste Priorität, einen Festball wird es nicht geben.“ Weiter ist zu lesen, dass „immer der Senior der Aktivitas des betreffenden Semesters der „Chef“ ist“,… und „bei Vertragsunterzeichnungen immer mit unterschreibt“. Als Ort für den Festkommers fällt die erste Wahl auf den „Krönungssaal des Aachener Rathauses“, die zweite auf das „Alte Kurhaus“. Ein neuer Verantwortlicher wird bestimmt.
Im Juni 2019 heißt es in der Niederschrift zum CC: „Das Kurhaus hat lediglich Platz für maximal 250 Leute und fällt daher raus“. Weiter werden die Kosten für die Anmietung des „Krönungssaales“ unter der Annahme von 400 Teilnehmern genannt, zudem sollen die AM in ihrer Vorschau den Termin „Pfingsten 2021“ bekanntgeben.
Das Patronatsfest-Protokoll bestätigt ein halbes Jahr später: „Wir konnten (Anm.: für den 26. Juni 2021 bei der Stadt Aachen) das Alte Kurhaus mieten!” Zum Ort der Messfeier gibt es weitere Vorschläge, Zelebrant werde der Hochschul-Pfarrer sein. Mit Begrüßungsabend, Conventen, Kneipe, Gottesdienst und Frühschoppen soll die Struktur eines gewöhnlichen Stiftungsfestes eingehalten werden, ein Festkomitee soll den Ablauf planen. Ebenso wird beschlossen, die dreiteilig angelegte Niederschrift über die Geschichte der Häuser, des Vereins und der Carolingen-Fenster im Dom in einem „dicken, schicken Buch“ zu veröffentlichen.
2020 und 2021: Einsame Jahre
Ende Januar 2020 erreicht - ausgehend von China - die COVID-19-Pandemie Deutschland. Am 27. März 2020 wird das „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ verkündet, der sogenannte Lockdown tritt in Kraft: Für das öffentliche wie private Leben treten weitgehende Einschränkungen ein, Kultureinrichtungen stornieren ihre Programme, Betriebe, Schulen und Geschäfte schließen, Universitäten nehmen ihren Lehrauftrag als „Fern-Uni“ wahr. Auch die TH Aachen muss das Angebot von Forschung und Vorlesung völlig umdisponieren, das studentische Leben kommt zum Erliegen, eingeschränkten Schutz bietet das Carolingenhaus. Die „Corona-Warn-App“ wird eingeführt, Home-Schooling und Homeoffice beschleunigen den Einsatz digitaler Medien, „Zoom-Konferenzen“ kommen in Mode, auch im KV und bei Carolingia. Das 149. Stiftungsfest im Juni 2020 fällt aus.
Die Entscheidung und ein Trostpflaster
In banger Erwartung, wie sich die Zahl der Todesfälle und Erkrankungen entwickelt, nähert sich der Termin, an dem die Vereinbarung zur Anmietung des Alten Kurhauses noch zu verträglichen Abschlagszahlungen storniert werden kann. Bei dem als Zoom-Konferenz abgehaltenen Convent zum Patronatsfest im Januar 2021 wird entschieden, die Stadt Aachen um Auflösung des Vertrags zu bitten und das für Juni 2021 geplante 150. Stiftungsfest um ein Jahr zu verschieben. Kulant verzichtet der Vertragspartner auf die ihm vertraglich zustehende Ausfallzahlung und lässt sich darauf ein, für 2022 einen neuen Vertrag zur Anmietung des Alten Kurhauses abzuschließen.
Carolingias 150. Stiftungsfest im Juni 2021 fällt aus!
Die Enttäuschung, dass es - im Festjahr! - abermals keine Wiedersehensfeierlichkeiten geben kann, mildert ein Festpaket, das jedem Carolingen zugestellt wird. Es enthält zum Aachener Bier ein mit Zirkel und Datum graviertes Fest-Bierglas und ein Päckchen der berühmten Printen sowie ein spezielles Andenken an den Parkettboden des Saales, der im März nach einem Wasserschaden ausgetauscht worden war: Die ausgebauten Leisten wurden stückweise zu bierdeckelgroßen Unter-setzern umgearbeitet und jedem Carolingen als Andenken zugestellt. Die schöne Idee wird mit zahlreichen Spenden honoriert und bei den Online-Conventen gewürdigt.
Mit einigen Hausbewohnern zelebriert der Aktivenvorstand eine „Online-Kneipe“, bei der einige daheim-gebliebene PC-Nutzer auch die Aufnahme neuer Mitglieder erleben. Dabei bleiben der einsam-heimische Bierkonsum wie die gemeinsam-frohe Festtagsfreude unter je erlebtem Niveau. Die im Lockdown „gewonnene“ Zeit erlaubt es, die Arbeiten am geplanten „Buch zum Fest“ zu intensivieren und um neue Themenkreise zu erweitern.
Jahreswechsel 2021/22
Im Frühsommer 2021 kommt langsam ein erstes Angebot zur Doppel-Impfung in Gang, Urlaubspläne können wieder geschmiedet werden, Restaurants öffnen vorsichtig, Politiker in neu gewählter Ampel-Koalition diskutieren über eine allgemeine Impfpflicht und eine berufsgruppenspezifische. Bei anhaltender Maskenpflicht - vor allem in Bussen und Bahnen - öffnen auch Sportstudios, Studenten können wieder - „normal”? - studieren, das Carolingenhaus ist voll belegt. Zum Herbst wird die 3. Impfung angeboten und als „Boostern” beworben. Wieder steht zum Aachener Karlsfest Ende Januar 2022 das Patronatsfest der Carolingia an, nochmals werden die Convente als Video-Konferenz abgehalten, das „Buch zum Fest“ ist mit 250 Seiten Umfang fast fertig und wird zum Druck mit Erscheinungsziel 1. Juni freigegeben. Als Ort für den Gottesdienst wird die Salvator-Kapelle auf dem Lousberg favorisiert.
In bescheidener Form wird die Kneipe vom aktuellen Vorstand mit den anwesenden Hausbewohnern geschlagen und von daheim gebliebenen Carolingen hybrid-trocken fernbeobachtet. Die Sehnsucht nach einem „normalen” Fest mit persön-lichen Wiederbegegnungen und festlichem Kommers in „Alter Burschenherrlichkeit“ wird von Woche zu Woche stärker. Doch Corona hat weiter die Hand im Spiel: Hoffen und abwarten heißt es weiterhin.
Die Durchführung des bevorstehenden Stiftungsfestes wird vom neuen Semestervorstand in der abgestimmten Weise vorbereitet, die Einladungen zum Wochenende nach Fronleichnam - Freitag, 17. bis Sonntag, 19. Juni 2022 - werden gedruckt, an alle Mitglieder verschickt und um Anmeldungen zum nachgeholten „150(+1). Stiftungsfest“ der Carolingia zu Aachen gebeten.
Carolingia – 150 Jahre jung
So ist das Fest überschrieben, und so lautet auch der Titel des Buches, das pünktlich zum Fest in der ersten Juniwoche ausgeliefert und jedem Carolingen per Post zusammen mit einem Neudruck des mit Pass-Fotos ergänzten Mitgliederverzeichnisses zugestellt wird. Ein gelungener Auftakt zum verspäteten Jubiläum, den die Empfänger freudig, dankbar und erneut mit Spenden quittieren!
Am Freitag, dem 17. Juni 2022, pünktlich nach Mitternacht, wird mit dem Hissen der Fahne und der Temperaturprobe das Fest eröffnet.
Im Laufe des Tages treffen erste auswärtige Gäste auf dem Carolingenhaus ein, zum frühen Abend bildet ein lockerer Empfang im Garten des Hauses einen ersten Höhepunkt der Wiedersehensfreude. Schnell können - auch mit Hilfe des bebilderten Mitgliederverzeichnisses - alte Kontakte wieder hergestellt und neue geknüpft werden.
Die Aktiven haben mit viel Eifer Salate und andere Beilagen für das Gegrillte zubereitet und mit edlem Gerstensaft reichlich angeboten. Nach der epidemisch langen Auszeit ist der warme Sommertag ein erstes großes Festgeschenk für den familiären Verlauf des Begrüßungsabends.
Da es acht Tage zuvor noch einmal Philister- und Hausbauvereins-Convente im Zoom-Meeting-Format gegeben hat, ist der zum Hochfest gut besuchte CC am Samstag, dem 18. Juni 2022, mit der Vorstellung des neuen Vorstands und den üblichen Berichten schnell erledigt.
Bis zum Höhepunkt am Abend dieses Tages und Festes bleibt in Hof und Garten noch viel Zeit zum bundesbrüderlichen Gedankenaustausch und Kennenlernen.
Im Alten Kurhaus
Um 20 Uhr ist es soweit: Carolingen, Freunde und Verwandte haben zum Festkommers im Alten Kurhaus ihren Platz gefunden und erheben sich zum Einzug der Chargen der Aachener KV-Vereine, im Präsidium der amtierende Carolingen-Vorstand der Aktivitas des Sommersemesters 2022!
Anlässlich des „Geburtstags“, den die Carolingen feiern können, erinnert der aus Berlin angereiste Kb Dr. Michael Feldkamp in seiner Festrede zunächst an Ereignisse aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als in Deutschland die Zeit der Vereinsgründungen einsetzt und auch Studenten - wie die Carolingen von einst - Gruppierungen bilden, die bedürftigen Menschen sozial zur Seite stehen. Mit dem Blick in die Carolingen-Chronik geht er auch auf die Entwicklungen in Kirche und Verband ein, befragt den Erfolg des Synodalen Weges und skizziert die kurz- und mittelfristig auf uns Beteiligte zukommenden Probleme wie den Mitgliederschwund hier wie da.
Als Historiker des Deutschen Bundestags und durch seine Nähe zu Politikern nehme er u.a. Stimmen und Meinungen wahr, die die Abschaffung der Kirchensteuer in zehn Jahren herbeiführen wollen. Auf die damit verbundenen Umschichtungen in den Sozialgefügen und die damit verbundenen Probleme wolle er hier und heute nicht eingehen, die sozialen Verpflichtungen indes würden jeden Einzelnen wie auch die Vereine zunehmend treffen.
Mit der Zuversicht, dass in der Vergangenheit - im KV und bei Carolingia - immer wieder Schwierigkeiten gemeistert wurden, übergibt der Philistersenior der Aktivitas eine gerahmte Abbildung des ersten Gedenkfensters, das zum 50. Stiftungsfest am 13. Juli 1921 in der Nikolauskapelle des Aachener Domes gestiftet und im Gedenken an 17 gefallene Bundesbrüder eingeweiht wurde. Das bei einem Luftangriff am 23./24. Dezember 1943 zerstörte Fenster ist zusammen mit seinem 1951 ersetzten Nachfolgefenster für alle Carolingen ein wichtiges Zeichen der Erinnerung und des Totengedenkens in der Seitenkapelle des Domes. In feuchtfröhlicher Runde klingt der Kommers auf dem Haus in der Lousbergstraße 46 mit vielen anregenden Gesprächen aus.
Vorbild Karl
Am Sonntagmorgen findet in der auf halber Höhe des Lousberges gelegenen Salvatorkirche der Festgottesdienst vor der Nachbildung des Gedenkfensters aus dem Dom statt. Mit Bezug auf Carolingias Geschichte erläutert Studentenpfarrer Matthias Fritz, wie Carolingen die Frohbotschaft in unserem Studium und Arbeitsalltag glaubwürdig umsetzen und vorleben können. Die Fürbitten beziehen sich auf die drei KV-Prinzipien und rufen auf, die Vision Karls des Großen von einem christlichen Abendland hochzuhalten, in Studium und Beruf dafür einzutreten, dass aktuelle Probleme wie Klimawandel und Welthunger gelöst werden und mitzuhelfen, die unterschiedlichen Talente und Begabungen auch bei Bundesbrüdern zu aktivieren.
Im Anschluss an die Messe wird der Verstorbenen gedacht, besonders jener, die sich um Carolingia verdient gemacht haben, so um unseren Gründer Johannes Baudry, unsere Chronisten, die uns die Verdienste früherer Generationen lebendig überliefert haben, aber auch der Faxenehepaare, die das Carolingenhaus zum Heim für die Bundesbrüder gemacht haben.
Zum Ausklang des Festes geht es noch einmal auf das nahe gelegene Carolingenhaus, wo die Aktiven erneut einen großartigen Brunch vorbereitet haben, der viele in alten Erinnerungen schwelgen lässt und jeden motiviert, künftig an weiteren Festen teilzunehmen.
Zum Schluss Applaus
Corona ist noch nicht besiegt, aber das Fest ist gefeiert, Carolingia besteht und geht weiter! So sei der Aktivitas für die langwierige Planung und die erfolgreiche Durchführung dieses besonderen Festes in dieser so bemerkenswert anderen Zeit gedankt und mit einem großen Kompliment gewünscht:
„Vivat, crescat, floreat - ad multos annos!“
Georg Lauer (Car) und Günter Freiberger (Philistersenior Car)

Kaiser Karls Signatur führt durch Aachen
Karl der Große, Namenspatron der Carolingen, soll des Schreibens nicht mächtig gewesen sein - nicht ungewöhnlich bei den Großen seiner Zeit. Also habe er sich, heißt es, von einem Schreiber ein Monogramm vorschreiben lassen, dem er mit einem finalen Strich, dem sogenannten Vollziehungsstrich, Gültigkeit verlieh.
Das Monogramm besteht aus den über ein Kreuz verbundenen Buchstaben K-R-L-S, die um eine Raute angeordnet sind, die im oberen Teil den Vollziehungsstrich in Form eines y enthält. Die Raute ergibt insgesamt ein O, während die obere Hälfte als A und die untere Hälfte als U zu lesen sind. Das ergibt in der richtigen Reihenfolge K-A-R-O-L-U-S.
Doch nicht nur in alten Urkunden, auch auf den Straßen der Kaiserstadt Aachen fällt einem die Signatur ins Auge. Denn 140 Nägel mit dem Karolus-Monogramm im Kopf markieren den 1,5 km langen Rundweg „Kaiser Karl führt durch Aachen“, der seit 2002 zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten in der Altstadt führt.
Quelle: wikipedia





