Das Geschenk der Gnade aushalten
Über Sinn von Priestertum und Sakrament inmitten der Krise der Kirche
Der Gründer der Piusbruderschaft Erzbischof Marcel Lefebvre sah mit den Lehretexten des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Verunsicherung über die Frage verbunden, was einen Priester eigentlich ausmache. Sieht man sich die Gegenwart an, so könnte man zunächst vermuten, dass er Recht behalten hätte: Die Priesterseminare sind fast leer, ein einheitliches Priesterbild scheint es nicht mehr zu geben. Die einen wollen und sollen Sozialarbeiter sein, die anderen Spiritus rector, wieder andere getreue und kämpferische Verwalter des depositum fidei. Es wundert dann kaum, dass der Synodale Weg einen Beschluss fasste, dass sich mit der Frage auseinanderzusetzen sei, ob es überhaupt noch Priester brauche.
Marcel Lefebvre sah als einzigen Ausweg, sich in ein „Museum“ zurückzuziehen und sich in der Kirche einzurichten, wie sie vermeintlich vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war. Im Namen einer pseudokatholischen Ideologie verdreht die von ihm gegründete Piusbruderschaft seither die spirituelle Suche von Menschen, die wirklich von der Gottesfrage bewegt werden und sich in einer Kirche nicht wiederfinden können, die nicht mehr weiß, was Priestertum ist, in einen sektiererischen Wahn. Ist das also die einzige Alternative? Sekte oder Beliebigkeitskirche?
Wer danach fragt, ob es noch Priester brauche in der Kirche, stellt damit eigentlich die Frage, ob es noch Sakramente brauche, Zeichen und Werkzeuge der Gegenwart Gottes in der Welt. Wo nicht mehr nach Gott gesucht wird, ist die Frage damit auch schnell geklärt: Da braucht es keine Priester mehr. Umgekehrt darf man Priester nicht mit dem Sakrament selbst verwechseln und sie auf einen Sockel der Heiligkeit stellen; wozu das führt, zeigt uns die Aufarbeitung der Missbrauchskrise. Die Rückkehr in ein triumphalistisch aufgeladenes Priesterbild führt ebenfalls vom Sakrament und damit von Gott weg. In beiden Fällen werden Menschen und ihre Verfügungsmacht an die Stelle Gottes und seiner unverfügbaren Wahrheit gesetzt.
Sich dieser Unverfügbarkeit öffnen, damit die Begegnung mit dem lebendigen Gott möglich ist, das bedeuten Sakramente. Sie bedeuten damit wesentlich, sich auf den anderen einzulassen, von sich selbst und dem eigenen Narzissmus Abstand zu nehmen: Deswegen kann man sich ein Sakrament nicht selber spenden. Deswegen bedarf es Personen, die versuchen, in ihrem Leben, durch sich selbst, ganz auf jemand Anderes – Gott – hinzuweisen. Das ist kein Widerspruch zu Freiheit und Authentizität. Nur zu einem pubertär-infantilen und vulgären Verständnis davon, das letztlich Autonomie mit Willkürfreiheit und Narzissmus verwechselt – „Ich und meine persönliche Betroffenheit“.
Die Hauptursache der Gottvergessenheit und damit auch der Unfähigkeit, sich auf das Geschenk der Sakramente, das man theologisch „Gnade“ nennt, einzulassen, ist die Angst, dass außerhalb der Wände des eigenen Ich nichts ist. Der heute zu Unrecht fast vergessene christliche Philosoph Ferdinand Ulrich hat das in seinem kleinen Büchlein „Gebet als geschöpflicher Grundakt“ schön auf den Punkt gebracht: „Das Bild der empfangenden Hände verwandelt sich zum Inbegriff der Selbstentfremdung. Man streckt die Arme von sich weg: wie kann man da noch ‚bei sich selbst‘ sein, sich als Eigentum ‚be-greifen‘ und festhalten […]? Die Hände sind leer: […] Und wird mir von außen wirklich etwas hineingelegt werden? Vielleicht kommt gar nichts? Also eigne ich mir mein Leben lieber selbst an, ziehe Welt und Mitmensch auf mich hin […] Wozu geduldige Hoffnung? Ist es nicht besser und sicherer, die Schale der Freiheit selbst zu füllen als sie ‚bedürftig‘ vor sich her zu tragen?“
Der christliche Glaubensweg besteht darin, wirklich frei zu werden, indem man sich selbst lassen kann und die Leere der eigenen Hände akzeptiert, frei zu werden von der Angst. Nur in solche leeren Hän-de kann sich Gott selbst hineinlegen, sich gnadenhaft schenken. Priester versuchen genau das mit ihrer ganzen Lebensform – in all der damit zusammenhängenden menschlichen Gebrochenheit – transparent zu machen. Und die Leere der Hände und der eigenen Unzulänglichkeit auszuhalten.
Die Wahrheit, die Jesus Christus und damit Gott selbst ist, steht für sich selbst und schenkt sich von selbst. Dazu bedarf es keines Priesters. Aber wir erlösen uns nicht selbst und schenken uns selbst die Gnade nicht. Wo Gläubige es nicht mehr wagen, sich auf echte Freiheit, einzulassen, ein sich selber-los-lassen um sich auf Gott hin einzulassen, da kann die Sinnhaftigkeit von Sakrament und Priestertum nicht gesehen werden. Und echtes Priestertum, das keine klerikale Selbstüberhöhung und Ich-Zentrierung, sondern das genaue Gegenteil ist, kann auch nur unter Gläubigen wachsen, die von dieser Haltung getragen sind. Insofern ist die Frage, ob es Priester braucht, vielleicht ein wichtiger Schritt, um bewusst zu machen:
Umkehren müssen wir alle, nicht nur die Kleriker, sondern das ganze Volk Gottes. Und das heißt nicht zurückzugehen in eine leblose Form einer Überhöhung des Priesters, sondern sich wieder umzukehren zu dem einzigen Herrn der Kirche hin: Gott selbst. Und ihm gegenüber die eigene Bedürftigkeit auszuhalten, damit die Leere von seiner Fülle beschenkt werden kann. Nur so kann auch die frustrierende Leere der gegenwärtigen Lage der Kirche wieder durch Gottes Gnade erfüllt werden.
Stefan Gaßmann (Mk, Smn, Lov (CV))
