Zu Gast beim 85. Stiftungsfest des Ordre Académique de Saint Michel zu Brüssel

Ungewohnte Kontraste: Wenn an deutschen Universitätsstädten Studentenlieder niedergezischt und Korporierte von Schlägertypen belästigt, provoziert und verprügelt werden, oft unter Beifall des Publikums, hält unser Nachbarland Belgien für Korporierte eine viel freundlichere Willkommenskultur bereit, wie Semnonia vor einigen Monaten erlebt hat.

Bereits am 5. März 2022 machten sich sechs Semnonen auf den Weg, die mit dem Kartellverband offiziell befreundete Studentenverbindung, den Ordre Académique de Saint Michel, in Brüssel anlässlich seines 85. Stiftungsfestes zu besuchen.

Nach unserer Ankunft wurden wir von Kartellbruder Christoph Nießen am Triumphbogen im Parc du Cinquantenaire in Empfang genommen und nach einer kleinen Stärkung mit belgischen Fritten und belgischem Bier begann eine höchst interessante Stadtführung, welche uns über das Europäische Parlament, den Königspalast bis zum Grand Place de Bruxelles in der schönen Altstadt führen sollte. Hier sollten wir auch erstmals auf eines der Wahrzeichen Brüssels, das Manneken Pis, treffen, welches uns aber die gesamte Tour über immer begleiten sollte.

In der Altstadt angekommen, trafen wir auf weitere Mitglieder des Ordens, mit welchen wir in ein typisch belgisches Restaurant einkehrten. Hier wurden uns die belgische Küche und auch diverse belgische Biersorten nahegebracht. Der Abend endete recht spät in einer der zahlreichen belgischen Gaststätten, in welcher wir, für Deutschland untypisch, die übrigen Gäste mit vielen Studentenliedern verwöhnten. Man höre und staune: Unser Gesang störte niemanden! Keine Gäste verließen fluchtartig den Raum, oder zeigten sich irritiert; die Kellner aber sahen eine großartige Einnahmequelle, denn Gesang macht bekanntlich durstig.

Umzug durch Brüssel

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit den übrigen Mitgliedern des Ordens, um mit einem Umzug durch Brüssel, beginnend am Rathaus am Grand Place, das 85. Stiftungsfest einzuläuten. Auch hier ganz anders als in Deutschland! Die Umzugsgesellschaft war der Star! Viele Passanten waren an dem lustigen Treiben sehr interessiert; einige sangen Geburtstagsständchen, andere wollten uns die Hände schütteln! Wir starteten den Umzug mit einem donnernden „Gaudeamus igitur“. Die Umzugsgesellschaft ist nach strengen Regeln eingeteilt. Am Anfang gehen die Füchse, die das Holzwappen des Ordens tragen dürfen. Es folgt der Aktivenvorstand, dann kommen die Bundesbrüder „von alt nach jung“. Am Ende marschieren die befreundeten Korporationen.

Der erste Zwischenstopp des Umzugs, an welchem wir, neben anderer befreundeter belgischer Korporationen, als Chargenabordnung teilnehmen durften, war in der Eglise Notre-Dame de la Chapelle (Kapellenkirche), in welcher, anlässlich des „dies natalis“ des Ordens, das traditionelle „Te Deum“ abgehalten wurde.

Danach ging es zum Manneken Pis: An diesem Tag war es in den Farben des Ordens gewandet. Denn in der Nähe des „kleinen Mannes“ gibt es ein Museum, das Kleidung für ihn zu jedem Anlass bereit hält! Am Manneken Pis wurden einige Lieder gesungen und der Orden hochgelobt – erneut im Beisein einer großen Schar Schaulustiger.

Nach etwa drei Stunden endete der Umzug wieder am Grand Place mit großartigen Gesängen und einem Photo-Shooting. Das letzte Lied war auch hier das „Gaudeamus igitur“.

Danach zogen wir gemeinsam in das Kneiplokal des Ordens, in welchem eine kleine Ausstellung über dessen Geschichte zu sehen war. Hier wurde zu Abend gegessen und um 19 Uhr begann die lang-ersehnte Festkneipe. Auch hier muss konstatiert werden: es ist alles doch ganz anders als zu Hause! Es würde zu viel Platz kosten, hier alles haarklein niederzuschreiben; davon sollte sich jeder selbst überzeugen. Es gibt in jedem Falle Eigenarten, die auch bei uns gut angenommen werden könnten; so gab es ein ständiges gegenseitiges Hochleben und das „Auf-das-Wohl-Trinken“ wurde in großem Ausmaß gefeiert. Zwischendurch standen die Kneipanden nacheinander nach Semestern unterteilt auf, sangen eine bestimmte Liedstrophe und tranken ein Gemäß – und gaben den Stab weiter an das nächst höhere Semester.

Wer schon viele Kneipen erlebt hat, findet sich überall zurecht

Man kann in jedem Falle sagen: in puncto Feiern stehen uns unsere belgischen Nachbarn in nichts nach! Da die gesamte Kneipe in französischer Sprache gefeiert wurde, hatten wir als Norddeutsche, mit einem leichten Faible zum, wenn überhaupt, Niederländischen, einige Mühen, dem Verlauf zu folgen. Hier aber zeigte sich: wer schon viele Kneipen erlebt hat, findet sich überall zurecht! Das Liedgut war dem unsrigen ähnlich – jedoch, und das war für uns deutsche Besucher sehr interessant und auch etwas peinlich, sangen unsere belgischen Freunde auch deutsche Lieder aus den 1920ern, die wir nicht kannten…

Die Kneipe endete gegen 21.30 Uhr mit einem „Trinkspiel“: Zu dem Lied „Allons, la mère Gaspard“ prostete man sich reihum gegenseitig zu. Wen das Zuprosten an einer bestimmten Textstelle ereicht hatte, der musste sein Glas leeren und den Kreis verlassen. Das Spiel dauerte so lange, bis der letzte Teilnehmer sein Glas geleert hat; danach ging es nahtlos über zur Fidulitas, welche erneut in einer belgischen Gaststätte mit dem Absingen vieler Lieder endete.

Es war in jedem Falle eine großartige und würdige Stiftungsfestkneipe und wir Semnonen sind froh, daran teilgenommen zu haben. Wir sechs Semnonen hatten ein wunderbares Wochenende in Brüssel. Wir wurden sehr herzlich empfangen, bekamen eine tolle Stadtführung und durften an der Tradition des Ordens teilhaben.

Auf ein Wiedersehen in Brüssel oder Osnabrück, à bientôt!