„Ein Feuerwerk an Nachdenklichkeit”

Am 1. August 2022 konnten die seit 1931 bestehenden und seit 2016 in die Katholisch-Theologische Fakultät integrierten „Salzburger Hochschulwochen” wieder in alter Form nach zwei Jahren der Einschränkungen eröffnet werden. Etwa hundert Studenten und sechshundert Altakademiker aus dem deutschsprachigen Raum fanden sich zusammen und nahmen an dem Diskurs über die „Zukunft der Wissensgesellschaft“ teil, der in die Frage gekleidet war: „Wie geht es weiter?”.

Was die Öffentlichkeit von den Hochschulwochen erwartet, wurde bei der Begrüßung der Teilnehmer deutlich benannt: Der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer stellte sie in eine Reihe mit den Salzburger Festspielen und anderen großen Veranstaltungen in der Stadt an der Salzach. Sie böten „ein Feuerwerk an Nachdenklichkeit“ und erwiesen sich als „ein feiner Seismograf der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung“. Das Programm der diesjährigen Salzburger Sommeruniversität lege „den Finger genau auf offene Fragen der Gesellschaft“. Der Rektor der Universität Salzburg Hendrik Lehnert anerkannte die Hochschulwochen als Keimzelle der heutigen Hochschule, die in diesem Jahr ihrer Gründung vor 400 Jahren gedenkt und deren Wiedererstehung ohne die Hochschulwochen wahrscheinlich nie vollzogen worden wäre. Er bescheinigte ihnen die Funktion eines Orts des „gediegenen Diskurses über die Fragen der Zeit.“ Ein solcher scheint umso mehr geboten, wenn man sich an die stetig wachsende Wissenschaftsskepsis erinnert, auf die der Obmann der Hochschulwochen Martin Dürnberger hinwies, der seit 2015 im Amt ist. Er gab zu bedenken, dass „Verschwörungstheorien genauso viel Hausrecht in öffentlichen Debatten“ reklamierten „wie wissenschaftlich generierte Erkenntnisse“. Damit gerate nicht nur „die Universität unter Druck“, sondern dadurch würden „ganze Demokratien in ihrem Innersten angefressen.“ Deshalb brauche es Räume wie die Hochschulwochen, in denen sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt und den „Goldstandard“ ihres Wissens unterfüttert.

Keine klerikalen Sonderwelten

Von den vielen Vorlesungen, Vorträgen, Diskussionen, Kolloquien, Workshops (fast ausschließlich für die U 30) und sonstigen Veranstaltungen, von denen auch nicht wenige den persönlichen Begegnungen unter den Teilnehmern dienen, seien einige herausgegriffen. Den Eröffnungsvortrag am Montag hielt der Religionssoziologe Detlef Pollack aus Münster, der feststellte, dass die Krise, in der ins-besondere die katholische Kirche in Deutschland stecke, noch längst nicht beendet sei, sondern sich noch beschleunigen werde. Eine Kehrtwende sei nicht in Sicht. Der gefährliche Kipppunkt rücke in die Nähe.     

Im Anschluss an diesen Vortrag befasste sich die Erfurter Theologin Julia Knop mit der Frage, wie es in der katholischen Kirche weitergehe. Dabei wies sie die vatikanische Kritik am „Synodalen Weg“ in Deutschland zurück. Dessen Satzung enthalte genau das, wozu eine jüngst versandte vatikanische Note auffordere. Die Beschlüsse der „Synodaler Weg“ bezeichneten Versammlung hätten keine kirchenrechtliche Wirkung. Die Entscheidungsvollmacht der deutschen Bischofskonferenz und der einzelnen Bischöfe sei gar nicht berührt. Die von dem Dogmatiker Jan-Heiner Tück aus Wien in der Presse geäußerte Kritik zeuge von fehlendem Wissen über den Ablauf der Beratungen. Insgesamt wolle man keine „neue Kirche“ erfinden, sondern aushandeln, „was es heißt, auf synodale Art Kirche zu sein.“  In einem weiteren Vortrag am Dienstag räumte Julia Knop ein, dass der auf der zweiten Synodalversammlung mit einer Stimme Mehrheit angenommene Auftrag, über die Frage zu diskutieren, ob die katholische Kirche überhaupt noch das Priesteramt benötige, „mehr als unglücklich“ gewesen sei. Ihrer Auffassung nach gehe „es nicht ohne Amt, aber vielleicht ohne strukturellen Klerikalismus, ohne klerikale Sonderwelten.“ Die Amtstheologie müsse zukünftig „postklerikal“ werden, ohne allerdings damit die Katholizität aufzukündigen. Die Missbrauchsstudien hätten evident gemacht, dass ein „toxischer“ Zusammenhang zwischen Missbrauch und Amtsverständnis bestehe. Nötig sei jetzt, zwischen der Ordination/Priesterweihe, der persönlichen Berufung und dem Berufsbild an sich zu unterscheiden. Probleme wie die „systemische Anfälligkeit“ für den Missbrauch entstünden vor allem vor dem Hintergrund des Standesdenkens. Die Unterscheidung zwischen Laien und Klerikern rufe ferner eine systemische Zweiklassengesellschaft hervor, die Missbrauch und Vertuschung befördere. Der Religionssoziologe Pollack stellte in seinem zweiten Vortrag heraus, dass die These, Religiosität gehe als Folge der Säkularisation und Individualisierung in private Formen der Religiosität und der Spiritualität über, so nicht zutreffe. Mit der Abnahme an kirchlicher Bindung sei ein Rückgang des Glaubens an Gott verbunden. „Wenn Kinder und Jugendliche Religion nicht mehr familiär“ kennenlernten, sei es auch „sehr unwahrscheinlich, dass sie später zum Glauben“ fänden. Er konstatierte einen rapiden religiösen Bedeutungsverlust, wodurch religiöse Werte nicht mehr als allgemein verbindlich gelten würden.

Mut und Phantasie

Wie seit vielen Jahren üblich trafen sich am Montagabend die Angehörigen und Freunde der Korporationsverbände zu einer Veranstaltung, bei welcher der Salzburger Erzabt Korbinian Birnbacher OSB dazu aufrief, sich mutig gegen die vorherrschende kirchliche Resignation zu stellen und sich auf den Glauben zurückzubesinnen.     

Auch bei dem Preis des Publikums traten die katholischen studentischen Verbände in Erscheinung, da der CV und UV jeweils die Dotation für den zweiten bzw. den dritten Preis übernommen hatten. Der erste Preis in Höhe von 1.000 Euro ging an Anne-Kathrin Fischbach (Jg. 1992). Sie sprach sich für das „Rumraten“, für ein Verständnis des Glaubens als „Basecamp“ (= Stützpunkt) der Freiheit des Denkens aus. Während die gängigen deduktiven Verfahren sich in den Bahnen der klassischen Logik bewegten, helfe das Rumraten, Denkverbote zu durchbrechen und neues Wissen zu ermöglichen. Zur Lösung der gegenwärtigen Probleme bedürfe es zudem der Phantasie.

Ein Mehr an wissenschaftlicher Beratung der Politik und ein Mehr an Allgemeinbildung

Gabriel Felbermayr, Direktor des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Wien, forderte die Politik auf, sich mehr beraten zu lassen. In den vielen augenblicklichen Krisen sei eine fachliche, wissenschaftlich fundierte Expertise mehr nötig als je zuvor. „Es geht nicht nur darum, Wissenschaft öffentlich zu finanzieren, sondern es braucht Kanäle und unabhängige Institutionen, die dafür sorgen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Lobby-Missbrauch in politischen Prozessen wirksam werden können“, so sein Plädoyer. Andererseits müssten die Wissenschaften ihre Forschungsergebnisse professioneller übermitteln. Es gäbe jetzt drängende Fragen, die nicht nur die Wissenschaft angingen, sondern „die gesamte Menschheit“ beträfen.     

Bei der Beantwortung der Frage, warum trotz der wissenschaftlichen Evidenz des Klimawandels nicht genug geschehe, könne die Verhaltensökonomie weiterhelfen. Sie zeige, die Zukunft spielt für das politische Handeln kaum eine Rolle, sondern eher der kurzfristige Effekt. Der stelle das Hauptkriterium für die Politiker dar. Helfen könne nur ein Mehr an Bildung. „Um zu tun, was geboten ist, brauchen wir mehr Allgemeinbildung. Auf dieser Basis können wir dann die Politik in die Verantwortung nehmen“, so sein Fazit.

Lernen, auch das Unvollständige und Lückenhafte wertzuschätzen

Der Judaist Yossi Hayyut Chajes von der Universität Haifa rief in seinem englischsprachigen Vortrag dazu auf, gemäß der jüdischen Tradition auch den Wert des Unvollständigen und Lückenhaften schätzen zu lernen. Die Realität sei immer komplizierter und nuancierter als jegliche Ideologien. Wir müssten vor allem zu Toleranz, Weltoffenheit und kritischem Denken geschult werden. Dabei hätten Religionen eine besondere Rolle. Sie sollten die Welt nicht nur in Schwarz und Weiß sehen, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung miteinander pflegen. Besonders wertvoll sei, dass es ihnen im Hier und Jetzt um Mitgefühl gehe.

Das Leben als „großes Geheimnis“. Theologischer Preis an Br. David Steindl-Rast OSB

Den mit 5.000 Euro dotierten Theologischen Preis der Hochschulwochen erhielt für sein Lebenswerk in diesem Jahr der 95-jährige Ordensmann Br. David Steindl-Rast OSB, der wegen einer Coronaerkrankung nicht persönlich an der Verleihung teilnehmen konnte. Stattdessen wandte er sich in einem Video, das ihn im Gespräch mit dem ehemaligen Prior des Europaklosters Gut Aich bei St. Gilgen am Wolfgangsee P. Johannes Aich OSB zeigte, an das Auditorium. Er bedankte sich bewegt für die Auszeichnung. Im Lauf der Zeit habe er erkannt, dass alles im Leben Theologie sei – und zwar in dem Sinne, dass das Leben ein „großes Geheimnis“ darstelle, dem sich gläubige wie nichtgläubige Menschen gleichermaßen nähern könnten.     

Br. David verbindet einiges mit den Hochschulwochen. So nahm er als Student an den ersten Hochschulwochen nach dem Zweiten Weltkrieg teil. Dabei besuchte er regelmäßig die Frühmesse in der Kirche der Benediktinerabtei St. Peter. Dabei kam ihm in den Sinn, ob nicht das Mönchsein auch für ihn eine Lebensform darstellen könne. Nach Abschluss seines Studiums mit dem Dr. phil. in Wien 1952 siedelte er in die USA über. Ein Jahr danach trat er in das Benediktinerkloster Mount Saviour in Elmira, N.Y. ein. 1965 beauftragte ihn sein Abt, sich mit dem Dialog zwischen Christentum und Buddhismus zu befassen. Deshalb lebte er zeitweise mit Mönchen in Zenklöstern zusammen. 1968 gehörte er zu den Gründern des „Center for Spiritual Studies“ in New York und in den 1970er Jahren zu den führenden Köpfen der katholischen Erneuerungsbewegung „House of Prayer Movement“. Als Brückenbauer wurde er 1975 mit dem Martin Buber Preis ausgezeichnet. Als spiritueller Vortragsreisender in über siebzig Ländern der Welt und als Friedensaktivist machte er sich fernerhin einen Namen. Immer wieder zog er sich als Eremit in die Stille zurück. Erst 1983 publizierte er sein erstes Buch, das seit 1988 in deutscher Sprache unter dem Titel „Die Achtsamkeit des Herzens“ vorliegt.

Die Quellen des Lebens wieder zum Fließen bringen

Weitere Publikationen zeugen von seinen Lebensthemen: Dankbarkeit als spiritueller Weg – Common Sense als Weisheit, die alle verbindet – Der Weg der Stille – Die Kraft des Staunens und die Schönheit der Welt. 2021 erschien sein Buch „Orientierung finden. Stichworte für ein erfülltes Leben finden“. Der österreichische Rundfunkkommentator Johannes Kaup hat Br. Davids Intentionen so zusammengefasst: Er will „die Quellen des Lebens wieder zum Fließen bringen, ihre Kraft zur Lebensgestaltung fruchtbar machen und sich, spirituell im Geheimnis fest gegründet, für ein Mehr an Gerechtigkeit in dieser Welt einsetzen.“

Das Preisgeld hat er für eine Organisation gespendet, die durch eine Operation Kinder in Afrika vor der Erblindung bewahrt.

Armin Nassehi, Soziologe an der LMU München, befasste sich auf dem gut besuchten Akademischen Festakt am Ende der Hochschulwoche 2022 in seinem Vortrag mit dem Titel „Wozu Universitäten und Wissenschaft?“ mit den Grenzen wissenschaftlichen Wissens. Einerseits gäbe es „kaum einen Bereich in der Gesellschaft, in dem nicht auf wissenschaftliches Wissen Bezug genommen“, würde,  andererseits dürfe dies „nicht auf die Funktion und Nützlichkeit reduziert werden.“ Mit einem solchen Ziel würde die Wissenschaft „unfrei“ und verliere „ihre innovative, ergebnisoffene Kraft.“ Universitäten müssten sich stattdessen als „Abweichungs-Verstärker“ und als „Gegenpol“ verstehen gegen den Impuls, „dem ersten Eindruck zu folgen, dem ersten  Blick zu glauben.“ Den Theologischen Fakultäten wies er eine besondere „Irritationsfunktion“ zu. Sie sollten zugleich innovativ sein und Traditionen bewahren. Sie würden zwischen wissenschaftlicher und theologischer Wahrheit unterscheiden und damit den Wissenschaftsbegriff weit halten. Insofern könne man von der Theologie einiges lernen.

„Reduktion! Warum wir mehr Weniger brauchen.”

Im nächsten Jahr beschäftigen sich die Hochschulwochen vom 31. Juli bis zum 6. August mit dem Leitthema „Reduk-tion“. Es sei unübersehbar, so in der Begründung dafür, dass das Gebot „Höher, schneller, weiter, mehr“ inzwischen unheilvolle Dynamiken“ entfalte. Deshalb stelle sich die Frage, ob es nicht gilt, auf „Liebgewonnenes“ zu verzichten und zu erörtern, welche Dinge auch zukünftig unersetzbar bleiben müssen. Das verspricht eine spannende Diskussion für 2023.

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Salzburger Sternstunden

Als Gründungskern der Universität Salzburg sieht der Salzburger Theologe und Hochschulwochen-Obmann Professor Dürnberger auch die Salzburger Hochschulwochen an. Sie seien in ihrer neunzigjährigen Geschichte Motor einer universitären Neugründung und Experimentierfeld geistiger und theologischer Innovation gewesen, sagte Professor Dürnberger im April im Rahmen der Jubiläumsvortragsreihe „400PLUS Lectures” zu historisch-theologischen Sternstunden der Universität Salzburg.    

Zu diesen Sternstunden zählte Dürnberger neben dem Neustart der Theologischen Fakultät 1945 oder der Neugründung der Universität 1962 auch die Referenten, die seit den 1930er-Jahren die Hochschulwochen zu einer international renommierten Einrichtung werden ließen, etwa Edith Stein (1930), den Jesuiten und Konzilsvordenker John Courtney Murray (1937), Karl Rahner (1937), den Künstlerpriester Otto Mauer (1950), den Neurologen und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl (1951), die Schriftstellerin Gertud von le Fort (1951) sowie Hans-Georg Gadamer (1971).     Die Salzburger Hochschulwochen fanden 1931 erstmals statt. Sie wollen ein universitäres, interdisziplinäres Forum bilden, in dem sich die Theologie dem Dialog über aktuelle Fragen mit säkularen Wissenschaften stellt. Seit sechs Jahren sind die Hochschulwochen eine Veranstaltungsreihe der Theologischen Fakultät und als solche integriert in die Universität Salzburg.