Ergebnisse der Vernetzungsinitiative

Dr. Philipp Fondermann (Mk, Ebt, Smn)

Einer meiner BbBb hat einmal gesagt: „Nach der Aktivenzeit am Studienort und dem Eintritt ins Berufsleben verbringt ein KVer die meiste Zeit seines Lebens im Ortszirkel.”  

Formal betrachtet existieren in Deutschland immer noch um die 200 Ortszirkel. Sie schaffen überall in Deutschland einen Begegnungsraum, in dem wir uns als KVer jeden Alters austauschen und unsere Prinzipien Religio, Scientia und Amicitia korporationsübergreifend pflegen können. So bilden unsere Ortszirkel eine immer noch überaus wichtige Struktur im Verband. Entstanden waren sie, um für die-jenigen verstreuten Philister, die aus beruflichen Gründen ihren Studienort verlassen, einen Ankerpunkt in der neuen Heimat und ganz allgemein ein Angebot über die eigene Korporation hinaus zu schaffen. Daran hatte und hat der Verband freilich ein Interesse, und die Ortszirkel spielen ja auch in den Satzungen des KVs eine wichtige Rolle. Gründung und Betrieb der Ortszirkel allerdings waren und sind noch heute das Ergebnis der Eigeninitiative einzelner Kartellbrüder.  

So wichtig sie sind, stehen unsere Ortszirkel doch vor großen Herausforderungen. Immer wieder muss man in den letzten Jahren von Vertagungen bzw. Auflösungen hören. 

Die Akademischen Monatsblätter vom März dieses Jahres waren daher schwerpunktmäßig dem Thema Ortszirkel gewidmet. Unter anderem hatte dort Kb Christoph Stehle in zwei akribisch recherchierten Beiträgen mit zahlreichen Literaturverweisen die Genese der Ortszirkel von den Anfängen bis in die Gegenwart skizziert. In den Akademischen Monatsblättern vom April dieses Jahres hatte dann Kb Markus Wittenberg aus dem Leben des OZ Vest Recklinghausen berichtet und wie es dort gelungen ist, die Aktivitäten wieder zu beleben. 

Zusätzlich wurde eine Vernetzungsinitiative zur Förderung des Austauschs der Ortszirkel untereinander lanciert. So soll im Sinne eines Exchange of Best Practices dafür gesorgt werden, dass gute Ideen, die an der einen Stelle funktioniert haben, auch anderswo bekannt werden und Frucht bringen können.

Die Vernetzungsinitiative

Wie erwähnt sehen sich die Ortszirkel großen Herausforderungen gegenüber. Gleichzeitig hört man im persönlichen Gespräch aber auch von neuen guten Ideen und Konzepten, die vor Ort zu einer Belebung, zur Rettung oder sogar zur Re-Aktivierung eines Ortszirkels geführt haben. Von solchen Erfolgsrezepten hat man bislang jedoch nur zufällig erfahren, obwohl die eine oder andere Idee auch andernorts sicher erfolgsversprechend wäre. 

Entsprechend war im März dieses Jahres zu einem online-Austausch der OZ-Vorsitzenden eingeladen worden, und insgesamt rund dreißig KbKb sind der Einladung gefolgt. Im Rahmen der Sitzung haben sich einige Ortszirkel vorgestellt und dabei jeweils über Situation, Probleme und Lösungen gesprochen. Im einzelnen waren das: Zirbelnuß Augsburg (Kb August Peter Gräff), Kieckenberg Bottrop (Kb Ulrich Eversmann), Kämmerlein Düsseldorf (Kb Christian Wensing), Grotenburg-Lippe (Tim Lassak), Säcker Limburg (Kb Peter-Martin Lay) und Vest Recklinghausen (KbMarkus Wittenberg). 

Unterhalb seien die Erkenntnisse dieses hochinteressanten Vormittags für die Kartellöffentlichkeit, speziell aber für diejenigen, die nicht teilnehmen konnten, kurz zusammengefasst. 

Herausforderungen

Die Voraussetzungen sind – wenig überraschend – regional jeweils sehr unterschiedlich. Kb Stehle hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Existenz eines Ortszirkels stark bzw. einzig davon abhängt, dass es vor Ort einen oder mehrere KbKb gibt, die sich engagieren. 1 Es gibt zudem Regionen, in denen nur wenige KbKb weit verstreut leben, sei es, weil die Gegend ländlich geprägt und daher infrastrukturell bzw. industriell schwach entwickelt ist, sei es, dass sie für Arbeitnehmer aus unterschiedlichen Gründen nicht attraktiv ist.

In anderen Regionen, speziell in Universitätsstädten mit vielen Korporationen, mangelt es zwar nicht an KbKb, es existieren mit ortsansässigen Kartellvereinen jedoch „konkurrierende“ Angebote – hier wird der KVer im Zweifel immer „sein eigenes Haus“ besuchen.

Einige Probleme werden jedoch auf Nachfrage immer wieder genannt, an erster Stelle: Überalterung. Das Durchschnittsalter in den meisten Ortszirkeln liegt bei sechzig Jahren oder weit darüber. Das hält die alternden KbKb je länger je mehr vom Stammtisch fern und die Teilnahme an Exkursionen aller Art wird schwierig oder unmöglich. Wenn es vor Ort jüngere KbKb in der Altersspanne zwischen 25 und ungefähr 45 gibt, befinden diese sich in aller Regel in der sogenannten „Rush Hour des Lebens” - also einer Lebensphase, in der man sich beruflich etabliert und meist auch eine Familie gründet; hier fehlt dann leider häufig die Zeit und manchmal auch – nach einer intensiven Aktivenzeit – die Lust auf korporative Aktivitäten.

Auch Aktive sind – falls Kartellvereine in der Nähe sind – freilich Mitglieder des Ortszirkels, aber hier gilt wie erwähnt in aller Regel und berechtigterweise der ganze Einsatz der eigenen Korporation und häufig hat man den lokalen Ortszirkel überhaupt nicht „auf dem Schirm“.
Jeder Ortszirkel versucht freilich aus den Umständen, unter denen er arbeitet, das Beste zu machen. Ziel ist dabei immer die Vergrößerung des Kreises und die Schaffung sowie der Erhalt eines lebendigen und attraktiven Ortszirkel-Lebens im Sinne unserer Prinzipien. Jenseits einiger Gemeinsamkeiten – etwa Treffen im monatlichen Rhythmus, einem Jahresprogramm, das aus Stammtischen, Vorträgen und Exkursionen zusammengesetzt ist – sind die konzeptionellen Unterschiede, mit denen man auf die vor Ort virulenten Herausforderungen reagiert, überraschend groß. 

Lösungsansätze

Teils hat es ein einziges Stammlokal, dem man treu ist, teils zieht man umher; teils werden Beiträge erhoben, teils nicht; teils gibt es ein gedrucktes Jahresprogramm, teils nicht; teils wird noch postalisch kommuniziert, teils nur noch oder überwiegend per Email oder WhatsApp; teils nehmen Damen teil, teils nicht; teils gibt es eine Farbenstrophe, teils nicht. Folgende Best Practices, die im Einzelfall erfolgreich waren und sind, haben wir darüberhinaus im Onlineaustausch zusammengetragen. Sie sollen der Anregung und ggf. der Nachahmung dienen.

Kontaktdaten-Pflege. Von entscheidender Bedeutung ist natürlich, dass ein Ortszirkel-Vorstand weiß, wieviele KbKb in seinem Einzugsbereich leben und wie er mit ihnen in Kontakt treten kann. Eine stets aktuelle Kontaktliste und das Nachführen aller Veränderungen durch Heimgang, Veränderung oder Zuzug ist daher unerlässlich. Grundsätzlich meldet zwar das KV-Sekretariat allfällige Änderungen proaktiv an den Ortszirkel, es sei aber empfohlen, von Zeit zu Zeit selbst einmal eine aktuelle Liste anzufragen. Um die Erwartungen zu managen, sei jedoch gesagt, dass das Sekretariat darauf angewiesen ist, dass der jeweilige Kartellverein vom Kb selbst oder seinen Angehörigen über Adressänderungen informiert wird und dann der Verein das Sekretariat informiert. Für dieses Problem gibt es leider keine Silver Bullet, und auch mit privater Recherche – etwa bei lokalen Kartellvereinen – lässt sich dieses Dunkelfeld nicht komplett ausleuchten. 

Kommunikation innerhalb des Ortszirkels. Früher wurden das Jahresprogramm und weitere Mitteilungen in der Regel postalisch an die Mitglieder des Ortszirkels versand. Heute finden wir diesen Kommunikationsweg immer häufiger aufgegeben zugunsten einer Kommunikation per Email und/oder WhatsApp.     
Abgesehen vom Kostenaspekt ist diese Kommunikationsform „schneller“ und entspricht den Wahrnehmungsgewohnheiten der jüngeren KbKb, speziell WhatsApp. Eine wachsende Zahl von Ortszirkeln unterhält daher einerseits einen Emailverteiler, der eher der „offiziellen“ Kommunikation dient, etwa dem Versand des Jahresprogramms, dem Versand der Beitragsrechnungen oder von Erinnerungen an bevorstehende Veranstaltungen. Andererseits gibt es häufig noch eine Ortszirkel WhatsApp-Gruppe, die zum informellen Austausch dient, und in der auch Themen besprochen werden, die mit dem Kartellverband und dem Ortszirkel nichts zu tun haben. Das stärkt die Bindung der Ortszirkelmitglieder untereinander.

Kommunikation nach Extern. Die wenigsten Ortszirkel haben eine eigene Homepage. Dies mag wegen des stark „nach innen“ gerichteten Charakters des ganzen Unterfangens verzichtbar erscheinen, kann sich aber als nützlich erweisen, wenn es bspw. KbKb in die Gegend verschlägt, man aber voneinander nichts weiß. Dann wird eine Google-Suche nach dem lokalen Ortszirkel dem Kb - sozusagen „unrasiert und fern der Heimat”, wie Spaßvögel sagen würden - eine Kontaktaufnahme von sich aus ermöglichen. Einige Ortszirkel setzen ihre Homepage selbst auf. Es gibt aber auch die Möglichkeit, unter dem Dach der KV-Homepage eine Seite für den eigenen Ortszirkel aufzusetzen bzw. aufsetzen zu lassen, siehe Beispielsweise https://www.kartellverband.de/netzwerk/ortszirkel/oz-karlsruhe.html. Ansprechpartner hierfür ist Herr Maspfuhl (christian.maspfuhl@kartellverband.de).

Erweiterung des Einzugsgebietes/Fusion mit benachbarten Ortszirkeln. Unter anderem im Ruhrgebiet existiert eine Vielzahl von Ortszirkeln in unmittelbarer Nachbarschaft. Hier wäre über Fusionen nachzudenken. In anderen Fällen deckt ein Ortszirkel nur einen verhältnismäßig kleinen geographischen Raum, der sich üblicherweise durch Postleitzahlen beschreibt, ab. Hier ist die Erweiterung des Einzugsgebietes eine Option.

Kooperation mit den Ortszirkeln anderer Verbände. Sehr bereichernd ist in der Regel der Kontakt mit den Ortszirkeln anderer, dem KV nicht zu unähnlicher Verbände, typischerweise dem CV. In vielen Fällen gibt es regelmäßige Besuche und Gegenbesuche der jeweils anderen Stammtische, sagen wir ein- oder zweimal im Jahr. Hier und da wurde sogar schon eine Fusion, bzw. die Zusammenlegung des Stammtischtermins des jeweiligen KV- und CV-Ortszirkels erwogen.

Kooperation mit ortsansässigen Kartellvereinen. Mitglieder im Ortszirkel sind alle ortsansässigen KbKb, auch die Aktiven in den lokalen Kartellvereinen. Häufig gibt es jedoch kaum oder keinen Kontakt mit den Kartellvereinen. So bleiben enorme Potentiale und Synergieeffekte ungenutzt. Eine „Zusammenarbeit“ kann informell sein, indem Mitglieder des Ortszirkels häufiger auf dem Haus auftauchen, dort Kontakte knüpfen, so die Aktiven auf den Ortszirkel aufmerksam machen und sie über persönliche Kontakte für die Teilnahme am Ortszirkel-Stammtisch gewinnen. Aber auch stärker formalisierte Kooperationen gibt es, beispielsweise in Form von gemeinsamen Veranstaltungen, die dann in beiden Jahres- bzw. Semesterprogrammen auftauchen. Das kann ein Vortrag sein, den der Ortszirkel auf dem Haus des Kartellvereins organisiert. Das beschert dem Ortszirkel einen würdigen und passenden Rahmen für seinen Vortrag, dem Senior des Semesters eine hochkarätige Veranstaltung und der Veranstaltung ein quasi „verdoppeltes“ Publikum. Das kann aber auch ein gemeinsames Grillfest des Ortszirkels und des Kartellvereins sein, das vom Ortszirkel finanziert wird. In diesem Fall fügt man möglichst auch einige Aktive der Ortszirkel-WhatsApp Gruppe hinzu.

Ausrichtung des Programms auf die verschiedenen Zielgruppen. Verschiedentlich orientierte sich eine Neuausrichtung an den im Kreis der Kartellbrüder unterschiedlicher Altersstufen vertretenen Bedürfnissen und Wünschen – das Programm richtet sich also nach seiner Zielgruppe. Dabei haben – um die zuvor bereits erwähnten KbKb in der „Rush Hour des Lebens“ abzuholen – speziell sogenannte Sommerfeste mit Damen und Kindern Erfolg gehabt.

Nächste Schritte

Seit April gibt es eine WhatsApp-Gruppe für OZ-Vorsitzende und -Vorstände. Bei Interesse meldet Euch bitte bei Kb Dr. Philipp Fondermann (philipp.fondermann@ kartellverband.de). Geplant sind zudem weitere Vernetzungstreffen, zu denen zu gegebener Zeit auf verschiedenen Wegen eingeladen werden wird. 

Ausblick

Wie die Zukunft der Ortszirkel aussieht, lässt sich schwer sagen. Sie hängt freilich auch davon ab, ob der KV selbst mit seinen Korporationen vor Ort stark und attraktiv bleibt und eine Wertegemeinschaft für Akademiker jeden Alters bildet, der alle KbKb sich ein Leben lang verbunden und zugehörig fühlen. Dafür wollen und werden wir arbeiten. Darüberhinaus soll die Vernetzungsinitiative als Rahmen für einen Austausch von Ideen und Erfolgsrezepten zwischen den Ortszirkeln dazu beitragen, hier und dort eine Belebung des Ortszirkel-Lebens zu bewirken.
Mit ziemlicher Sicherheit gibt es einen Ortszirkel auch in Eurer Nähe. Wenn Ihr noch nicht dort aktiv seid – meldet Euch, geht hin, es lohnt sich. Und es gibt ein oder zwei Bier ...

Referenzen

 AM März 2024
- Stehle, Wo sind die, die vom breiten Stein, S. 38 ff: Rückblick zur geographischen Verbreitung, durchschnittlichen Größe, OZ in der KV Satzung
- Stehle, Wie bleibt man als Alter Herr KVer?, S. 42 ff: Rückblick zum Entstehen der OZ als Angebot über den eigenen Verein hinaus für die verstreuten Philister, zur Genese des Netzwerkes, OZ wichtig in der NS-Zeit, OZ wichtig nach der NS-Zeit, gefühlter Niedergang seit den 70er Jahren, relative Machtlosigkeit des Verbandes: alles beruht auf privater Initiative

 AM April 2024, S. 80 ff.
- Wittenberg: Geschichte des Vestes und des OZ Vest Recklinghausen, Geschichte des OZ Vest, Maßnahmen zur Belebung: Terminverschiebung, Sommerfest, Ausweitung des Einzugsgebietes, persönliche Ansprache

Anmerkung:

[1] AM März 2024, 136. Jahrgang, Nr. 2, S. 37.

Dr. Philipp Fondermann

Ich habe zwischen 1995 und 2003 Germanistik und Latinistik in Münster und Freiburg i. Br. studiert. Nach dem Examen 2003 war ich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter zunächst am Klassisch-Philologischen Seminar der Universität Trier, später dann am Klassisch-Philologischen Seminar der Universität Zürich tätig, wo ich 2007 mit einer Arbeit zur Erzähltechnik Ovids promovierte. Mein Weg führte mich dann aber nicht in die Wissenschaft, sondern ins Wissenschaftsmanagement - von 2008 bis 2014 war ich als Rektoratsreferent und persönlicher Referent des Chief Information Officers am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) tätig. Inzwischen arbeite ich seit 2014 im Softwarevertrieb beim niederländischen wissenschaftlichen Großverlag Elsevier, genauer verkaufe ich in Deutschland, Österreich und der Schweiz Softwarelösungen an forschende Einrichtungen, mit denen diese ihre Forschungsleistung messen, strategisch steuern und nach Außen darstellen können. Ich bin AH bei Markomannia-Münster, Egbert-Trier, Semnonia-Osnabrück und der AKV Kyburger Zürich. Auf Verbandsebene bin ich derzeit stellv. Vorsitzender des Altherrenbundes. Ich lebe mit meiner Familie in Karlsruhe.