Narzissmus und Wertschätzung
Mag. Stephan Wolfgang Weber (Bsg)
Herausforderung an unsere Gesellschaft
Eine seltsame Wertschätzungsblockade hat sich über unsere Gesellschaft gelegt”, schrieb der Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe Reinhard Haller in seinem Buch „Das Wunder der Wertschöpfung“. „Emotionale Kühle, Geringschätzung, destruktive
Kritik, Zynismen und Entwertung gewinnen die Oberhand. Skandalberichte sind gefragt, Fake News haben Konjunktur, Hasspostings vergiften das Internetklima. Die Sprache hat sich radikalisiert, der ehemalige Mitleidsbegriff ‚Opfer‘ ist zum Schimpfwort […] geworden. Da werden Randgruppen diskriminiert, Andersdenkende verlacht und Benachteiligte verachtet. Coolness ist ‚in‘, Abgebrühtheit ein erstrebenswerter Persönlichkeitszug und Egozentrik und Eigennutz gesellschaftliches Ideal. Die Menschen verdrängen ihre Gefühle oder zeigen sie immer weniger - nicht mehr echt, nicht warmherzig, nur mit gekünsteltem Affekt. Die Differenziertheit menschlicher Emotionalität hat sich abgeschliffen.“ 1
Unsere Gesellschaft ist geprägt von High-Tech und internationaler Kommunikation. Medien informieren sekundenschnell über das, was sich weltweit ereignet - oft als Sensation, in negativer Form. Und die Bilder von Terror und Krieg, Verfolgungen, Klassenhass und Rassismus, bis hin zu Skandalen und Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule können zur Nachahmung anregen - in Form von Mobbing, Hassreden im Internet, verbaler und offener Gewalt, mit deren Hilfe man sich jene Aufmerksamkeit verschaffen will, die einem im Alltag verwehrt wird. Betroffene haben den Schaden: Ihr Selbstwertgefühl ist gemindert, psychische Störungen drohen, zumal, wenn es junge Menschen auf dem Weg der Selbstfindung sind. So reichen Menschen, denen in ihrer Entwicklung geschadet wurde, das, was ihnen angetan wurde, an andere weiter.
Die „großen drei Z”: Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit
Dabei ist der Mensch, schrieb Reinhard Haller, „von Anfang an - seit es ihn auf der Erde gibt und bereits im Mutterleib - auf positive Zuwendung angewiesen. Sein Wesen wird ein Leben lang beherrscht von einem Urbedürfnis nach all dem, was in dem Begriff Liebe enthalten ist. Ohne die drei großen Z - Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit - ist eine gesunde psychische Entwicklung nicht möglich.“ 2
Macht ein Mensch nicht von der ersten Stunde seines Lebens an die Erfahrung, willkommen zu sein, und verspürt diese Erfahrung nicht in seiner weiteren Entwicklung, dann kann er auch nicht die Erfahrung von Geborgenheit und Angenommen-Sein entwickeln und wird destruktiv. „Fehlende Wertschätzung ist nicht nur mit Selbstwertzweifeln und eingeschränktem Sicherheitsgefühl verbunden”, schrieb Reinhard Haller, „sondern begünstigt psychische Probleme, führt zu Beziehungsschwierigkeiten und erhöht die Aggressionsbereitschaft.“ 3 - gegen die eigene Person wie gegen andere - von Drogenkonsum und suizidalen Tendenzen über Beziehungsdelikte bis zu Amok und Terror.
Als „Narzissmus” wird diese Persönlichkeitsstörung bezeichnet, bei dem ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung dem mangelnden Mitgefühl für andere Menschen entgegensteht. Geschichte und Gegenwart sind voll von Beispielen narzisstisch gestörter Persönlichkeiten - etwa Kaiser Nero, Adolf Hitler oder Josef Stalin -, deren Willkürakte furchtbare Verwerfungen und Verwüstungen bei jenen angerichtet haben, die diesen Tyrannen ausgeliefert waren. Papst Franziskus hat auch einen „theologischen Narzissmus” kritisiert, der sich in kirchlichen Institutionen entwickelt und seine Wurzel in Selbstbezogenheit habe 4 .
Über einen Aggressor unserer Tage, Vladimir Putin, schrieb Haller: „Es fällt auf, dass er lange Zeit als zuverlässig und kalkulierbar galt, dann stellen sich Veränderungen ein, […] jede Kritik wird dann zur Majestätsbeleidigung. […] Man glaubt, Putin zu kennen […]. Man kann sich schwer vorstellen, dass es so einem plötzlich egal ist, dass alte Menschen flüchten müssen, Kinder sterben, Hunderttausende ihre Heimat verlieren. Und doch ist es typisch für Narzissten, dass sie ihre Empathie ausschalten, denn ihre gekränkten Gefühle überlagern alles andere, es zählt nur noch der Hass. […] Solange man dem Narzissten signalisiert, dass er unterlegen und zu besiegen ist, wird er weiter eskalieren.“ 5
Sich cool verhalten, sich abgebrüht, distanziert oder unsensibel zeigen, dahinter steckt der Trend zu übertriebener Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung und Selbstverherrlichung auf Kosten anderer, eine Form von Narzissmus. Unter der Überschrift „Werte und Selbstwerte hängen eng zusammen“ zitiert Haller ein Wort von Johann Wolfgang von Goethe: „Willst du dich deines Wertes freuen, so musst der Welt du Wert verleihen.“ 6 Aber dafür bedarf es einer positiven Einstellung zu sich selbst. Diese wird zwar beeinflusst durch die Umgebung, aber entscheidend ist das gesunde „Ich-Empfinden“: sich annehmen, wie man ist; auf eigene Fähigkeiten bauen; angemessen kommunizieren können; sich auf andere verlassen können. Es ist, wie wenn man in einen Spiegel blickt und sich selbst sieht: Das bin ich! So bin ich mit all meinen guten Eigenschaften, Talenten und Fähigkeiten und mit dem, was ich geschaffen habe, und dafür bin ich dankbar, aber auch für die Anerkennung, die ich von meinen Mitmenschen erfahre.
Das erinnert an das Bibelwort aus Gen 1, 27: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ 7 Das sagt uns: Wir alle sind Kinder Gottes und begegnen in jedem Menschen auch Gott, dessen Ebenbild wir sind. Deshalb verdienen unsere Mitmenschen Achtung, Ehrfurcht und geschwisterliche Liebe. Wenn aber mein Selbstbild von außen in Frage gestellt wird, kommt es zu inneren Konflikten und Krisen, die mich aus der Bahn werfen können. Die Stabilisierung und Kontrolle des Selbstwertgefühls ist eine Aufgabe für das ganze Leben. Maßgebend dabei ist auch die anerkennende und bestärkende Rückmeldung aus der Umwelt, die leben und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt.
Ist dies jedoch nicht gegeben, wird also das Selbstwertgefühl durch äußere Umstände (Misserfolg, Mobbing, Verlust des Arbeitsplatzes oder des Partners) herabgesetzt, dann drohen Veränderungen mit unvorhersehbaren Folgen. Der Mitmensch, die Umgebung wird zum Feindbild, gegen das man sich wehren muss, notfalls mit Gewalt. „Besonders dependenzgefährdet und anfällig für psychische Störungen und Krankheiten sind Menschen mit hohen moralischen Ansprüchen, mit feinem Gewissen und starkem Über-Ich”, schrieb Reinhard Haller. „Wegen dieser kontrollierenden psychischen Instanzen sind sie nicht in der Lage, ihre aufkommenden Aggressionen gegenüber der Umgebung, welche ihnen Wertschätzung versagt, zum Ausdruck zu bringen. Aus der zurückgehaltenen Aggressivität, die sich dann gegen die eigene Person richtet, resultieren weitere Selbstwertzweifel und Verschlechterungen des Selbstbildes, was zu Schuldgefühlen und manchmal zu selbstschädigenden Handlungen führen kann.“ 8
Wer gelernt hat, sich selbst anzunehmen mit allen Fehlern und Schwächen, der kann auch seinem Mitmenschen offen gegenübertreten und dessen Unzulänglichkeiten und Andersartigkeit akzeptieren. Gerade die biblische Botschaft und unser Glaube können Wegweiser zu einem gelingenden Miteinander sein. Die Hauptgebote sind dabei: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ 9 So hat es Jesus von Nazareth vorgelebt. Zu Beginn seines öffentlichen Auftretens las er in der Synagoge von Nazareth eine Passage aus dem Buch des Propheten Jesaja vor: ‚Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.‘ […] Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ 10
Als Christen und Mitglieder einer katholischen Studentenverbindung sollten wir Brückenbauer sein, Gräben überwinden, Bedürftigen, Kranken und Schwachen beistehen und uns für mehr Gerechtigkeit und Frieden in unserer kleinen und großen Welt einsetzen. Charles de Foucauld 11 sagte einmal: „Es gehört zu deiner Berufung, das Evangelium von den Dächern zu rufen, nicht durch dein Wort, sondern durch dein Leben.“
Anmerkungen:
[1] Reinhard Haller, Das Wunder der Wertschätzung, München 2019, 6
[2] Haller, a.a.O.,13
[3] Haller. a.a.O.,7
[4] a.a.O., 29
[5]www.stern.de, a,a,O.,
[6] Haller, a.a.O. 40
[7] Bibel Einheitsübersetzung 2016
[8] Haller, a.a.O., 52f
[9] Einheitsübersetzung, Lk 10,27
[10] a.a.O., Lk 4, 17ff
[11] geb. 1858 in Straßburg, gest. 1916 in Tamanrasset (Algerien) Gründer der Gemeinschaft der Kleinen Brüder Jesu
Mag. Stephan Wolfgang Weber (Bsg)
geboren 1943 in Bad König, wuchs in Duisburg auf, studierte in Freiburg und trat dort dem K.St.V. Brisgovia bei. Seit 1966 gehört er dem Prämonstratenserorden an, lebt als Chorherr im Stift Schlägl in Oberösterreich und ist derzeit Kustos der Kunstsammlungen des Stiftes.
