Ein volles Programm in Bonn: Kultur, Sitzungen und Feiern

Jonas Stapelmann (Arm, Arn)

„Bonna Perl am grünen Rheine, Steter Freuden Schirm und Hort” – So klang es vom 10. auf den 11. Mai zum Beginn des Aktiventages in Bonn. Der Festkommers am Freitagabend auf dem Arminenhaus bildete den Auftakt für Diskussionen und Abstimmungen auf den Sitzungen von Aktiventag und Hauptausschuss. 

Ein neuer Vorort musste gewählt werden, Anträge standen zur Abstimmung und Fragen zur Zukunft des Verbandes wollten diskutiert werden. Doch galt es auch, die oben erwähnten ersten Zeilen der Bonner Stadthymne „Bonna Perl” mit Inhalt und Aktivität zu füllen. Denn die neben den Aktivenvertretern mitgereisten Aktiven sollten viele Eindrücke aus der Bundesstadt mitnehmen. Und auch für die zu den Sitzungen abgeordneten Aktiven sollte nicht der einzige Grund, nach Bonn gekommen zu sein, die - selbstverständlich sehr wichtige - Diskussion auf dem Aktiventag sein.    
Vielleicht verfällt man als Armine leicht in eine Art von Lokalpatriotismus den eigenen Verein betreffend (wem geht es da mit dem eigenen Verein nicht so?), doch ließe sich auch ohne diese (vermeintliche) „Realitätsverzerrung“ schnell feststellen, dass das Arminenhaus einen mehr als würdigen Veranstaltungsort für die Feier des Kommerses bildete. 

Vom §26 und der Geschichte des Verbandes

Doch selbst die beste Location reicht nicht für einen gelungenen Festakt. Dafür sorgten auch die acht Chargenabordnungen, welche den Saal würdig füllten und der Corona einen farbenprächtigen Anblick boten. „Drum aus Deutschlands schönsten Gauen, manchen Jüngling zieht es her“, zwei weitere Zeilen der Bonner Stadthymne „Bonna Perl”, bewiesen also einmal mehr den Wahrheitsanspruch dieses Liedes.             
Dass es nicht nur der verpflichtende Ruf des KVs war, einen Vertreter zu stellen, der „manchen Jüngling herzog“, konnte man allein daran erkennen, dass auch der Vorort des ÖKV sich die Mühe gemacht hatte, aus Österreich an den Rhein zu pilgern und vor Ort zu chargieren. Vernetzung zwischen Verbänden und Kartell- und Farbenbrüdern hört eben nicht an der Staatsgrenze auf. Wie wichtig eine solche Vernetzung ist, hob auch der Vorortspräsident Kb Johannes Pötz (Arm, Agg, Arn) in seiner Prinzipienrede hervor, auch wenn er sich dabei besonders auf den deutschen KV fokussierte. §26, ein oft vergessener Paragraph der Satzung unseres Verbandes, wurde dabei aufs Podest gestellt: „Jeder Kartellangehörige, der noch nicht einem Altherrenverein angehört, muss bei einem Hochschulwechsel innerhalb sechs Wochen nach Semesterbeginn sein Aufnahmegesuch bei einem Kartellverein des neuen Hochschulortes einreichen.“         
Gerade wenn man als Vorort in Deutschland unterwegs ist, kristallisiert sich schnell ein Problem heraus, das die meisten Vereine teilen: Oft fehlt es an einem oder zwei erfahrenen Aktiven, um gerade kleinere Vereine zu stabilisieren. Eine weitere helfende Hand bei Veranstaltungsaufbauten oder eine neue Stimme und nützliche Meinung auf dem Convent machen viel aus. Und bei größeren Vereinen hört man auch nie, dass zu viele Aktive vor Ort wären. Auch der Austausch von Tradition und Komment sowie von Keilerfahrungen und -strategien ist ein Vorteil, der mit einem gelebten §26 einhergehen würde, wie der VOP betonte. 
Legte der Vorortspräsident in seiner Rede den Fokus auf die Ausgestaltung der Zukunft im Verband, blickte der Festredner, Kb Prof. Dr. Dieter-Anton Binder, Historiker, Winfriede aus Graz und Armine aus Bonn, auf die bewegte Geschichte des Verbandes zurück und erzählte lebhaft von einzelnen Etappen, die der KV in seiner bald 160-jährigen Vergangenheit zurücklegte.

In Bonn reihen sich deutsche und KV-Geschichte einträchtig nebeneinander

Am nächsten Morgen, nach Kommers und anschließender Fidulitas, widmeten sich die Kartellbrüder, die nicht als Abgeordnete für den Aktiventag ausgewählt worden waren, erneut der Geschichte und Vergangenheit, wenn auch nicht unbedingt dezidiert der des Kartellverbandes.         
Von der Rheno-Borussia aus führte der Weg zum Haus der Geschichte, vorbei an für die deutsche Geschichte wegweisenden Orten. Dazu gehören: Das Museum König, Ort des Zusammentrittes des Parlamentarischen Rates, die Villa Hammerschmidt, Amtssitz des Bundespräsidenten in Bonn, das alte Kanzleramt und Kanzlerbungalow, um nur einige der Gebäude zu nennen, die sich am Rhein aneinanderreihen und in denen wichtige Entscheidungen zur Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland getroffen wurden. Im Haus der Geschichte wurde zuvor Gesehenes dann noch mit Fakten unterfüttert. Gerade in den ersten Räumen vermischt sich dann oft deutsche Geschichte und Geschichte des Kartellverbandes. Schließlich darf man nicht vergessen, dass von den 65 stimmberechtigten Mitgliedern des Parlamentarischen Rats acht dem KV angehörten (gegenüber nur drei aus dem CV) und dass die Kartell- und Bundesbrüder Konrad Adenauer und Kurt-Georg Kiesinger die ersten 20 Jahre der Bundesrepublik Deutschland prägten.
Mit Politik beschäftigten sich auch die Kartellbrüder, die nicht an der Führung durch die deutsche Geschichte teilnahmen, wenn auch zugegebenerweise nicht auf einem so hohen Niveau wie es Adenauer und Kiesinger getan hatten. Der Aktiventag fand auf dem Haus der Rheno-Borussia statt und beriet nicht nur über verschiedene Anträge, sondern wählte auch den Vorort des Jahres 2024/2025. An dieser Stelle sei herzlich unseren Nachfolgern gratuliert. Nach der Arminia stellt mit Robert Groch von der Askania-Burgundia Berlin erneut ein Gründungsverein des KV den Vorortspräsidenten; der Stellvertreter, der Vorortsvizepräsident Mark Steffen kommt aus Hannover von der AV Gothia. Ebenfalls gratuliert sei dem anderen Wahlsieger des Wochenendes, dem künftigen Aktivenvertreter im KV-Rat. Dieses Amt wanderte von der Markomannia Münster nach Bonn zur Arminia, zum noch aktuellen Vorortspräsidenten Johannes Pötz.
Während sich der Hauptausschuss mit seiner Sitzung dem Aktiventag auf dem Haus der Rheno-Borussia anschloss, kamen die Abgeordneten des Aktiventages und die Teilnehmer der Führungen auf dem Arminenhaus zusammen. Die als KV-Fest titulierte Veranstaltung brachte Kartellbrüder aus ganz Deutschland auf dem Arminenhaus zusammen. Mit Bierwagen und Grill konnten so die Abgeordneten der verschiedenen Bünde erleben, weshalb man sich zuvor in den Sitzungen mit Vereinspolitik auseinandergesetzt hatte und welche Vorteile ein solcher Verband bieten kann. Wie oft kommt es schließlich vor, dass sich Studenten aus Berlin, Bonn und München und sogar aus Wien miteinander treffen und ins Gespräch kommen?         
Solche Diskussionen bei Bratwurst und Bier sorgten schnell für eine sehr kartellbrüderliche Atmosphäre, die bei bestem Wetter ausgiebig genossen werden konnte. Bedient man sich an dieser Stelle wieder am Cantus Bonna Perl, merkt man erneut, dass die Verfasser dieses alten Studentenliedes durchaus eine klare Vorstellung von ihrem Text gehabt haben müssen. „Ja hier werden alle Brüder“. Diese Aussage deckt sich gut mit dem Anspruch des KV und solcher Feste, das Wort „Kartellbruder“ mit etwas mehr Leben zu füllen. Ein Anspruch, der an diesem Samstag voll erfüllt wurde.
Einen würdigen Ausklang fand das Wochenende am Sonntag mit einer Messe im Bonner Münster. Die meisten Kartellbrüder, die das ganze Wochenende durchgehalten hatten, traten danach ihren Heimweg an. Einige wenige jedoch nutzten die Gelegenheit eines nach wie vor aufgebauten Getränkewagens und das gute Wetter, um das KV-Fest noch in einem deutlich kleineren und inoffizielleren Rahmen fortzusetzen.

Umorientieren, um die Zukunft zu meistern

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Überlegungen zu Sparmaßnahmen und Veränderungen im Verbandsleben standen in Bonn zur Diskussion

Der KV verändert sein Gesicht: Wie viele Verbände und Organisationen wird auch der KV in den kommenden Jahren kleiner - und, was seine Mitglieder angeht, wohl auch älter. Also muss er sich umorientieren, nachhaltiger planen und vorgehen. Der KV wird künftig wohl auch vielfältiger: Manches, was bislang unwidersprochen galt, erscheint immer weniger selbstverständlich und wird nicht nur Diskussionen, sondern auch Umorientierungen auslösen. Davon war viel auf der Tagung des Hauptausschusses auf dem Haus der Rheno-Borussia Mitte Mai in Bonn zu spüren. Namentlich der Bericht der Finanz-Task-Force, die sich vor einem Jahr in Würzburg konstituiert hatte, wurde mit Spannung erwartet.

Verbandsbeitrag stabil halten

Zur Erinnerung: Der Beschluss der VV in Oer-Erkenschwick, die KV-Beiträge ab 2023 auf 75 Euro und dann ab 2025 bis 2029 schrittweise auf 100 Euro zu erhöhen, hatte bei vielen Kartellvereinen für Unmut gesorgt und die berechtigte Frage aufgeworfen, ob dieser Beschluss in den KV-Vereinen durchsetzbar sei und nicht besser zurückgenommen werden sollte. Ein Jahr lang hat die Task-Force Einspar- und Optimierungspotenziale eruiert, die es möglich machen sollen, den KV-Beitrag auch bei sinkenden Mitgliederzahlen stabil bei 75 Euro zu halten. Die Ergebnisse des Berichts, vorgetragen von Kb Ralf Becker (Philistersenior des K.St.V. Cimbria und Sprecher der Gruppe), empfehlen unter anderem, die Adress- und Mitgliederverwaltung des KV-Sekretariats für die Kartellvereine kostenpflichtig zu machen und Adressanfragen, die vermeidbar aus mangelnder eigener Adresspflege resultieren, den Kartellvereinen in Rechnung zu stellen. Der Basis-KV-Beitrag soll konstant bei 75 Euro gehalten werden. Bei guter Pflege der eigenen Mitgliederdaten sollen nach den Vorschlägen der Task-Force diese Kartellvereine eine zunächst erhobene Vorfinanzierung in Höhe von 10 Euro rückerstattet bekommen. Wer demgegenüber immer wieder die Adresspflege des KV-Sekretariats in Anspruch nehmen muss, würde mit Nachforderungen zur Begleichung der zusätzlichen Sekretariatsarbeit rechnen müssen. Weiter solle das KV-Sekretariat kostenpflichtige Zusatzaufgaben durch Gewinn neuer Mandanten erzielen. Was die Tagungsorte von VV, Hauptausschuss und Aktiventag betrifft, empfiehlt die Finanz-Task-Force, diese Tagungsorte nicht zu wechseln, in der Nähe des KV-Sekretariats zu tagen und Standorte zu bevorzugen, die weniger kostenträchtig seien. Auf diese Weise ließen sich nicht nur Veranstaltungs- und Übernachtungskosten in Grenzen halten, sondern die Planungen erheblich vereinfachen, nicht zuletzt wegen der Nähe zum KV-Sekretariat. Ein weiterer Kostenverursacher ist die Adresskartei: Nach wie vor lässt das Meldeverhalten im Verband zu wünschen übrig. 

Mitgliederkartei aktuell halten

Die Mitgliederdatei zu aktualisieren, kostet das KV-Sekretariat viel Zeit und Arbeit und verursacht vermeidbare Kosten. Zur Abhilfe empfiehlt die Finanz-Task-Force, die Verbandszeitschrift allen KVern zweimal im Jahr gedruckt per Post zuzusenden, um so über Nachsendeanträge Adressen zu aktualisieren (siehe Aufruf auf Seite 138). Die weiteren Vorschläge der Task-Force sind im Internen Bereich der KV-Homepage nachzulesen.

Für den KV-Rat erklärte Kb Markus Wittenberg, dass man sich den Vorschlägen der Task-Force uneingeschränkt anschlösse. Dazu stellte er weitere Überlegungen wie auch bereits umgesetzte Maßnahmen vor: Die Sitzungen des KV-Rats (ca. 7 bis 8 pro Jahr) finden seit geraumer Zeit online statt, nur noch in seltenen speziellen Situationen in Präsenz, z.B. zur Vorbereitung von VV / Hauptausschuss oder einmal jährlich im Rahmen der Klausurtagung. Im Rahmen der Verleihung des Carl-Sonnenschein-Förderpreises des KV werden die Kosten für die Anreise und das Quartier schon seit 2022 nur noch für den Preisträger, seine Ehefrau/Lebensgefährtin und den Laudator vom Verband übernommen. In früheren Jahren wurden z.B. auch die Beteiligung von Eltern, Geschwistern oder auch Bundesbrüdern des Preisträgers vom KV übernommen. Auch werde diskutiert, die Preisverleihung mit der VV zu koppeln, sodass der Preis nur noch alle drei Jahre verliehen würde. Dafür wolle man gegebenenfalls das Preisgeld erhöhen oder den Preis unter mehreren Preisträgern aufteilen. Dagegen spreche aber, so Kb Markus Wittenberg, „dass wir mit dem Carl-Sonnenschein-Preis unsere Aktiven und jungen Alten Herren animieren möchten, ihre Promotionsarbeiten einzureichen” - man also das Prinzip „Scientia” fördern wolle. Außerdem sprach Markus Wittenberg von Überlegungen, die Finanzierung der Akademischen Monatsblätter künftig völlig über Spenden zu finanzieren. Bislang gilt die „8+2-Regel”, wonach acht Ausgaben über Mitgliedsbeiträge, zwei Ausgaben mit Hilfe von zusätzlichen Spenden finanziert werden. Es gehe darum, Aushängeschilder wie die AM, die unser Selbstverständnis als Akademikerverband widerspiegeln, viel stärker positiv zu bewerben - „weg von der Zwangsfinanzierung hin zu einer Spendenbasierten Finanzierung, die über die Kultur- und Sozial- stiftung des KV möglich sei.” Doch müsse der Verband garantieren, dass stets Mittel bereit stünden, das versprochene AM-Kontingent zu drucken - unabhängig davon, wie hoch das Spendenaufkommen gerade sei. 

Zu Ende des Sommersemesters 2024 soll das Angebot des sog. „Willkommensgutscheins” für jeden Aktiven in Höhe von 100 Euro auslaufen. Bereits ausgegebene Willkommensgutscheine sollen jedoch weiter gültig bleiben. Einem entsprechenden Antrag stimmte der Hauptausschuss mit großer Mehrheit zu. Unwidersprochen blieb dieser Antrag nicht: Man habe den Willkommensgutschein eingerichtet, um junge Aktive zur Teilnahme an KV-Seminaren zu ermuntern, sagte der Vorsitzende der KV-Akademie, Kb Karl Kautzsch. Wenn dieses Angebot nicht mehr so stark nachgefragt werde, bedeute dies nicht, „dass das Thema ,Corporate Indentity KV‘ vom Tisch sei.” 
„Wir haben ein Verständnisproblem”, entgegnete der Vorsitzende des Altherrenbundes, Kb Harald Stollmeier. Momentan gelte der Willkommensgutschein vielen als Symbol für einen KV, der übermächtig über den Kartellvereinen stehe und erhebliche finanzielle Mittel in Form von erforderlichen Rückstellungen binden würde. Selbst wenn solche Vorstellungen bei der Einführung des Willkommensgutscheins nicht bestimmend gewesen seien - in der jetzigen Situation sei es ungünstig, am Willkommensgutschein für jeden Aktiven festzuhalten. Größere Akzeptanz fand dagegen die Überlegung, dass Aktive nach dem Besuch eines KV-Seminars einen Gutschein für weitere Verbandsseminare erhalten könnten.
KV-Vereine mit Parallelvereinen
Und dann sprach Harald Stollmeier eine weitere Frage an, die gelöst werden muss: die Mitgliedschaft von Frauen in Kartellvereinen. Fünf Kartellvereine verfügten bereits neben ihrer eigenen Aktivitas über einen gesonderten Verein mit weiblichen Mitgliedern, weitere fünf KV-Vereine diskutierten über die Mitgliedschaft von Frauen und hätten bereits signalisiert, „dass, wenn sie das im KV dauerhaft nicht dürfen, diesen verlassen wollen.” - Die bisherige Erfahrung zeige, dass der Weg solcher „Parallelvereine” mit weiblichen und männlichen Mitgliedern aus dem KV heraus führe, wenn es nicht gelinge, sie im Verband zu integrieren. Denn, sagte Harald Stollmeier: „Ihre männlichen Mitglieder werden nicht mehr zur Gänze Philister in Altherrenvereinen” Das bedeute: „Wenn wir nichts tun, und nichts entscheiden, dann passiert trotzdem etwas”. Deshalb sei der KV-Rat darin überein gekommen, verbandsweit zu diskutieren und auf der VV 2025 darüber zu entscheiden, „ob wir eine Mitgliedschaft von Studentinnen in den Kartellvereinen ermöglichen”. Es gehe nicht um die Frage: „Kartellschwestern - ja oder nein?” hob Harald Stollmeier hervor, sondern darum, die einzelnen Kartellvereine darüber entscheiden zu lassen, ob sie weibliche Mitglieder bei sich aufnehmen oder nicht. Der KV als Verband wolle sich hier zurücknehmen, um den Kartellvereinen vor Ort die Entscheidungsfreiheit zu überlassen, fügte Markus Wittenberg hinzu, denn: „Was in A, B, oder C richtig ist, kann in D falsch sein”, sagte er „und ich werbe dafür, dass die Diskussion offen und auf einem seriösen Niveau geführt wird.”