Rückblick auf ein gelungenes KV-Wochenende
In diesem Jahr trafen sich vom des 19. bis zum 21. April wieder zahlreiche Kartellbrüder, zum Teil mit der ganzen Familie, und Gäste im Herzen Deutschlands, im südlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts zu zwei sich wechselseitig ergänzenden Veranstaltungen.
Erstmalig ließ sich auf fakultativer Basis eine Besichtigung der Burg Saaleck vor dem eigentlichen Se- minarprogramm organisieren. Herr Zeidler vom Heimatverein Saaleck (https://www.burg-saaleck.info/) fesselte die Zuhörer durch viele interessante Einblicke in die Geschichte dieser Burg, die immer ein wenig im Schatten der bekannteren Rudelsburg stand. Als amüsante Besonderheit der Burg erläuterte er uns die Konstruktion eines beheizbaren Aborts in den mehr als zwei Meter dicken Wänden… Zum Abschluss konnten wir mit einem schmackhaften „Saalecker Ritterbier“ aus der Watzdorfer Traditionsbrauerei in Bad Blankenburg (gegr. 1411) den Erhalt der Burgruine unterstützen!
1968: ein schwieriges Jahr
Im Rahmen des 4. historischen Rudelsburg-Seminars beschäftigten sich die vierzig Seminarteilnehmer (davon elf Aktive) zwei Tage lang mit „Aufbrüchen in Ost und West“, nämlich der sog. „68er-Bewegung“ im Westen und mit der Entstehung katholischer Studentenverbindungen in der DDR vor 1989 am Beispiel der verbandsfreien Katholischen Deutschen Studentenverbindung Salana Jenensis in Jena, die 1983 gegründet wurde. Mit dieser Teilnehmerzahl hat sich das Seminar in wenigen Jahren zu einer festen Größe im Programm der KV-Akademie entwickelt, zu dem in diesem Jahr wieder KbKb aus drei Ländern angereist sind – aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Besonders erfreulich war auch die Teilnahme eines österreichischen Kartellbruders, den der Beruf nach Leipzig geführt hatte.
Das Seminar verfolgte das Konzept, nach einem Überblick über die allgemeinpolitische Situation in der damaligen Bundesrepublik Deutschland zum Ende der 1960er Jahre unter Einbeziehung internationaler Einflüsse den Blick auf die Universitätslandschaft des „Nachkriegsdeutschlands“ zu richten und in einem dritten Schritt mit der Hilfe von drei Zeitzeugen die Einflüsse dieser Umbrüche auf den KV und seine Aktivitates am Beispiel drei gänzlich verschiedener Kartellvereine zu diskutieren. Die Einführung in die gesamtpolitische Situation hatte freundlicherweise Prof. Dr. phil. Peter Nitschke, Politikwissenschaftler der Universität Vechta, übernommen. Er thematisierte besonders die massiven Auswirkungen von drei Ereignissen, die die Studentenschaft seit Mitte der 60er Jahre mobilisierte und im Verlauf stark radikalisierte.
Hier Glamour - dort Gewalt
Den Staatsbesuch des Schahs von Persien, Mohammad Reza Pahlavi, im Jahr 1967 empfanden viele Studenten wegen der damit verbundenen Ehrbezeugungen durch die deutschen Gastgeber als Provokation in Anbetracht der Menschenrechtsproblematik im Iran. Während der Demonstrationen gegen diesen Besuch wurde der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 durch einen Kopfschuss von hinten getötet. Dieses Ereignis stellte beinahe eine Initialzündung für die späteren Studentenunruhen dar. Dabei war es damals naturgemäß noch unbekannt, dass der Polizist, der den tödlichen Schuss abgab, Karl-Heinz Kurras, zeitgleich Mitglied der SPD, der SED und mindestens von 1955 bis 1967 IM der Stasi war, wie sich erst 2009 herausstellte.
Eine weitere Radikalisierung erfuhr das aufgeheizte Klima an den Universitäten durch das gezielte Attentat auf Rudi Dutschke, den seinerzeit führenden Aktivisten der Studentenbewegung, am 11. April 1968, das die Studenten-Szene auf die reißerische Berichterstattung in der BILD-Zeitung zurückführte.
Parallel sorgten kritische Berichte über die zunehmend rücksichtslosere Kriegsführung der USA in Vietnam (kulminierend später im Massaker von My Lai) für eine nachhaltige Eintrübung des positiven Bilds der USA und ihrer Streitkräfte im vorherrschenden Nachkriegsnarrativ als der Vertreter des „Guten“ gegen das „Böse“.
Unser Verbandshistoriker Kb Dr. phil. Wolfgang Löhr führte anschließend in die Situation an den Hochschulen ein. Zwar waren wesentliche NS-belastete Professoren im Rahmen der Entnazifizierung aus dem Hochschuldienst entlassen worden, aber es mangelte an strukturellen Anpassungen der Universitäten an die neuen Gegebenheiten von großen, später auch sogenannten „Massen-Universitäten“. Das später zu dem Symbol schlechthin gewordene Transparent „Unter den Talaren / Muff von 1000 Jahren“ spielte dabei unverhohlen auf die fehlenden Anpassungen der Organisation der Universitäten nach der NS-Zeit an, denn die faktische Allmacht der Lehrstuhlinhaber in den „Ordinarien-Universitäten“ über den akademischen Nachwuchs und mögliche Hochschulkarrieren war ungebrochen.
Der Samstagnachmittag stand ganz im Zeichen der damaligen Situation in den Korporationen des KV. Dabei war das Seminarkonzept nach Anregungen aus dem Kreis der Aktiven beim letzten Treffen 2022 abgeändert worden. Alle Teilnehmer sollten die Möglichkeit haben, sich stärker als bei reinen Vorträgen in die Diskussion einzubringen. Statt (längerer) Referate gab es zunächst nur einleitende kurze Impulse der Referenten, aus denen sich dann ein lebhafter generationenübergreifender Gedankenaustausch entwickelte.
Kb Dr. Löhr (Arm), Student ab dem Sommersemester 1959, später u.a. langjähriger Philistersenior des im politischen „Bonn“ bestens vernetzten K.St.V. Arminia, leitete diesen Seminarteil ein und schilderte die Unruhe in der Studentenschaft schon im Verlauf der frühen 1960er Jahre vor den eigentlichen Protesten in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Die weltanschaulichen Auseinandersetzungen griffen später auch massiv auf die Aktivitas über.
Studentenverbindungen dem blanken Hass auf alles Konservative ausgesetzt
Kb StD a.D. Wolfram Kühn (Pal), langjähriges Mitglied des AH-Vorstandes des AHV Palatia, erlebte die massiv ideologisch aufgeladene Studentenbewegung in Heidelberg ab 1963, die z.T. von blankem Hass gegen alles Konservative, damit natürlich auch gegen die Studentenverbindungen, erfüllt war. Später musste er sich dann mit den in diesem geistigen Umfeld geprägten Junglehrern auseinandersetzen.
An der nahezu vollständig durch technische Studiengänge geprägten RWTH in Aachen waren die Proteste demgegenüber weniger stark ideologisch aufgeheizt, gingen aber an den KV-Vereinen gleichfalls nicht spurlos vorüber, wie Kb Dipl.-Ing. Alfred Tegethoff (Wk), später langjähriger Philistersenior des K.St.V. Wiking, aus seiner Studentenzeit ab 1969 zu berichten wusste. Dennoch mussten aber auch hier auf substantielle Fragen, wie eine Studentenverbindung auf die neuen Herausforderungen reagieren müsse, Antworten gefunden werden.
Die angeregte Diskussion ergab durchaus Parallelen zur heutigen Situation, in der wir uns fragen müssen, wie sich ein Verband wie der KV in erneuten Zeiten eines gravierenden Umbruchs für die Zukunft positionieren will.
Eine Bestätigung des leicht geänderten Seminarkonzepts erfuhren wir durch ein Schreiben des externen Referenten Prof. Nitschke, in dem er seine Freude zum Ausdruck brachte, Teil der Veranstaltung in einem angenehmen Ambiente gewesen zu sein und seine Anerkennung für das engagierte und stimulierende Niveau der Aussprache ausdrückte. Bereits bei einer früheren Referententätigkeit bei einer Wochenendtagung des K.St.V. Markomannia hatte er den Austausch über mehrere Generationen bei Studentenverbindungen als besonders anregend empfunden, weil er dies bei fast keiner anderen Gelegenheit so ausgeprägt erleben würde. In der Regel blieben bestimmte Altersgruppen unter sich.
Die Hl. Messe wurde als Vorabendmesse von Kb P. Robert Jauch (Arm, Rh-I, Rh-F, Ta, E d Gro-Lu, E d Gm) zelebriert. Es war ein schönes Zeichen der gastgebenden Kirchengemeinde, dass unsere Messe als zusätzliches Angebot des KV in das Pfarrblatt der Gemeinde St. Peter und St. Paul Naumburg aufgenommen wurde (http://www.katholische-kirche-naumburg-saale.de/fileadmin/PDFs/T-04-24.pdf). So war die Christkönigkirche in Bad Kösen bis auf den letzten Platz gefüllt. P. Jauch hielt eine beeindruckende Predigt zu einem positiven und vertieften Verständnis des Hirtenamts in der Kirche, das ja in jüngster Zeit von einigen Theologen relativiert wird. Gudrun Kühn, die Ehefrau von Kb Wolfram Kühn, seit Jahrzehnten Organistin in zahlreichen Kirchengemeinden rund um Eberbach, begeisterte zudem alle Messteilnehmer durch ihr Orgelspiel. Und wir KVer waren dann sehr angerührt, als uns nach der Messe bei recht frischen Außentemperaturen zwei Mitglieder der Pfarrgemeinde mit Plätzchen und warmem Kaffee empfingen! Zum Abendessen fanden sich Seminar- und Kommersteilnehmer im Burgrestaurant zu einem reichlichen gemeinsamen Abendessen ein.
In diesem Jahr war der Kommers bereits nach wenigen Wochen überbucht, so dass leider nicht alle Anmeldungen berücksichtigt werden konnten. Das war für die betroffenen Kartellbrüder natürlich schade, ist aber auch ein gutes Zeichen, dass neben dem Heidelberger Schlosskommers im WS mittlerweile auch der Rudelsburg-Kommers im Sommer eine feste „Fan-Gemeinde“ gefunden hat. Über achtzig Teilnehmer in der Corona und 24 Chargen füllten den alten Rittersaal bis auf den letzten Platz und sorgten in dem traditionsreichen Ambiente für eine exzellente Akustik bei den Gesängen!
Rudelsburgkommers mit fester „Fan-Gemeinde”
Der Tradition des Kommerses folgend klang der Abend mit dem Dresdner Mitternachtsschrei und einer ausgelassenen Fidulitas am „Jung-Bismarck-Denkmal“ unter freiem Himmel aus.
Der K.St.V. Abraxas-Rheinpreußen und in diesem Jahr besonders den KbKb Darius Cziesla (Organisation), Alexander Löwe (Präsidium) und Dr. Christoph Weyer (Festrede und Bierorgel) wie auch der gesamten Aktivitas und dem Altherrenverein sei für diesen wunderbaren Abend ganz herzlich gedankt.
Der Sonntag stand dann ganz im Zeichen eines völlig anderen Aufbruchs im Osten Deutschlands. Fbr. Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Stefan Gerber, Universität Jena, begleitete uns auf dem Weg vom Rittergut Kreipitzsch zum Gedenkstein der Rudelsburger Allianz, dem 1987 gegründeten Zusammenschluss von Studentenverbindungen in der ehem. DDR. Danach brachte er uns in der gemütlichen Kuno-Klause in der Rudelsburg als Historiker wie auch als langjähriger Philistersenior die Geschichte der KDStV Salana Jenensis nahe. Neben der beeindruckenden Schilderung der Gründungsphase unter den Augen der Staatssicherheit ergaben sich aber auch immer wieder situationsbezogene fast amüsante Aspekte, z.B. durch zufällige Anregungen im Rahmen von ausgedehnten Visiten bei einem Krankenhausaufenthalt.
Insgesamt haben sowohl die Teilnehmer am Seminar als auch am Kommers ein in unterschiedlichster Weise anregendes Wochenende verbracht, das alle drei Prinzipien mit herzlicher Kartellbrüderlichkeit erlebbar werden ließ. Schweren Herzens mussten sich dann alle am Sonntag nach dem Mittagessen trennen, um die Heimreise bis nach Österreich und in die Schweiz anzutreten.
Alle Kartellbrüder, die durch diesen Bericht angeregt werden, gleichfalls einmal ein Rudelsburg-Wochenende zu verbringen, seien schon jetzt auf das 5. Seminar und den 13. Kommers im Jahr 2026 verwiesen. Das Seminar wird vom 24. bis zum 26. April, der Kommers am 25. April, stattfinden – schon jetzt gilt: „Save the date!“ Inhaltlich wird es um eine kritische Aufarbeitung der Wiedervereinigung Deutschlands ab 1989 aus westlicher und explizit auch aus östlicher Sicht gehen.
Für die KV-Akademie, Dr. Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, Urb, E d Wk, E d Eck)


